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Milleniumsfieber

sparrow | 14. Januar 2000, 22:58 |

Endlich, endlich ist es vorbei. Das böse Wort mit M gibt seine Dauerpräsenz in meinem Vorabendprogramm auf, in Ruhe kann ich den neuen Jahresanfang genießen.
In den Supermärkten werden Süßigkeiten, Sektflaschen, Chipstüten und Reinigungsmittel mit der großen bunten 2000, dem Konsumenten für einen Appel und ein Ei hinterher geworfen. Frieden ist eingekehrt- jedenfalls scheinbar.

Immer noch blitzen sich die unversöhnlich streitenden Lager über die tiefen Schlachtgräben hinweg an. "Willkommen im 21. Jahrhundert" brüllt einer kampflustig. "Lern erst mal rechnen!" höhnt ein anderer zurück.
Da steht die dreigeteilte westliche Welt. Die einen, die bereits im nächsten Jahrtausend sind, die anderen, die noch störrisch am alten festhalten. Und dazwischen diejenigen, denen das alles völlig egal ist.
Dann gibt es noch Sondergruppierungen mit Einzelzielen. So wie mich. Ich hoffe auf den Weltuntergang. Meine Chancen stehen gut. Erdbeben, Überschwemmungen, Stürme, Überbevölkerung und nicht zu letzt eine erfolgversprechende Grippewelle.
Die Propheten sagen für die nächsten Jahre einstimmig etwas Schlimmes voraus. Was es genau sein soll, darüber herrscht Unstimmigkeit.
Für mich ist das auch gar nicht wichtig. Ich nehme alles, frei nach dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel". Wobei ich natürlich einen möglichst schmerzlosen Weg vorziehen würde.

Stellt es Euch vor: Ruhe, friedliche Stille. Keinen Streß, keine Hektik, keine Deadlines, die man einhalten muß.
Mit Hektik kennen wir uns aus, wir die Kinder des Milleniums. Schnell, schnell, schneller muß alles gehen, besser müssen wir sein, um uns auf dem Sklavenmarkt die Zähne untersuchen zu lassen. Weiß er genug? Kann sie genug? Flexibel und biegsam bis zur Rückratlosigkeit, teeren wir unsere Gehirnwindungen mit Wissen, bis Informationen in Sekundenschnelle über unsere zerebrale Datenautobahn rast.
Die dicke schwarze Masse stumpft uns ab. Einen immer größeren Kick, immer mehr Adrenalin brauchen wir, um überhaupt etwas fühlen zu können.
Überkommunikativ bis zur Sprachlosigkeit.
Mehr Bildung, mehr Aufklärung, mehr Spaß, mehr, mehr, mehr. Gibt es eine Steigerung zur Konsumgesellschaft? Wir streben sie an, konsumieren und werden konsumiert bis nur noch ein Häufchen Mensch übrigbleibt, das keine Rente bekommt.

Willkommen im neuen Jahrtausend, willkommen im neuen Zeitalter.
Ich sollte keine Cola nach 24.00 Uhr trinken.

Hochschulblatt der FH Stendal
Magicmirror, 2000



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