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Abenteuer Einkauf | WEBLOG | Mein Schaf und ich

Als ich klein war...

sparrow | 06. Februar 2000, 22:17 | ganz alter Kram

Früher, als ich klein war und meinen Eltern grollte, wollte ich immer ausziehen. Ich packte einen kleinen Koffer, stahl ein paar Lebensmittel aus der Küche und wartete auf einen günstigen Zeitpunkt, um in das Gartenhäuschen zu entwischen, in dem ich meinen Lebensabend verbringen wollte. Nie, nie wieder wollte ich mit meinen Eltern reden. Günstige Gelegenheiten waren jedoch rar, da ich durch das Wohnzimmer gemußt hätte. Es ist schwierig, für immer das Haus zu verlassen, wenn man sechs Jahre alt ist und mit gepackten Taschen an den Eltern vorbei muß.

Einmal habe ich es tatsächlich geschafft und saß schmollend ganze zwei Stunden in dem kleinen Holzhäuschen, bis es mich langweilte.
Später dann träumte ich mich mit meiner ersten großen Liebe wahlweise auf eine einsame Insel oder - wieder - in ein Gartenhäusschen, welches in unseren Phantasien allerdings luxuriös ausgestattet war. Kühlschrank, Heizung und orientalische Spielwiese. Alles sollte da sein.

Heute wünsche ich mir manchmal, ich hätte so ein Häuschen zur Verfügung. Wenn mir die Welt im allgemeinen und besonderen auf den Keks ginge, könnte ich mich zurückziehen und wäre auf einmal - plöpp - verschwunden. Nicht erreichbar. Niemand wüßte, wo mein Häuschen liegt. Wenn es mir paßte, würde ich wieder erscheinen, wie Phönix aus der Asche. Ich kann sehr gut mit mir allein sein. Ich brauche nur genug Bücher und dann kann mir der Rest des Planeten den Buckel runterrutschen.

Rabsi rief mich gestern an. Sie hatte den Zug verpaßt und wollte sich die Zeit ein wenig vertreiben. Fünf Mark haben wir verquatscht und unser Gespräch war noch in vollem Gange. Später sprachen wir noch auf Kosten meiner Eltern.

Es ist so schön, mit Rabsi zu schwätzen. Ich hänge sehr an ihr. Außer mir darf auch niemand etwas gegen sie sagen, sonst werde ich grantig. Ich selbst kann mich natürlich aufregen, solange ich will. Das tue ich auch, denn sie ist wahrlich kein Engel.

Ich stutze immer noch, wenn ich diese schöne junge Frau sehe. Samstag abend zog sie die bewundernden Blicke an, wie eine Motte das Licht. Wirklich atemberaubend sah sie aus. Für mich ist sie immer noch das kleine Kind mit dem strubbeligen blonden Haarschopf und den angeschlagenen Knien. Vermutlich wird sich das auch nie ändern.

Manchmal träume ich. Ich bin so alt, wie ich bin und sie ist das erwähnte blonde Kind. Wir sind auf der Flucht und ich muß sie beschützen, aber es ist so schwer, weil wir nicht wegkommen und unsere Verfolger uns dicht auf den Fersen sind.

Mein Beschützerinstinkt ist stark ausgesprägt, ich weiß. Ich vermute, es liegt daran, daß ich mir viel zu lange die Schuld an ihrem Unfall gegeben habe. Ein Bild hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Diese kleine violette Birkenstocksandalette, die auf der Straße liegt. Daneben ich, die ruft: "Mädchen, mein Mädchen. Steh doch auf."
Schon merkwürdig, was von traumatischen Erlebnissen bleibt.

Meine Mama las letztes Jahr zu Weihnachten das Buch "Das Lazaruskind", die Geschichte eines kleinen Jungen, der dabei ist, als seine kleine Schwester von einem Laster angefahren wird. Er gibt sich die Schuld, insbesondere, als seine Schwester aus dem Koma nicht mehr erwacht.
Danach fragte sie mich das erste Mal, wie ich Rabsis Unfall eigentlich verkraftet hätte.
Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf, weiß Gott nicht. In dem Jahr hatten sie genug Sorgen, ohne daß sie sich auch noch um meine Psyche kümmern mußten. Außerdem hatte ich schon immer dieses Einzelkämpfersyndrom. Sachen, die mich belasten, mache ich meistens mit mir selber aus.
Trotzdem tat es gut, einmal darüber sprechen zu können. Und wenn es zehn Jahre später ist.



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