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Mein Schaf und ich | WEBLOG | Valentinstag

Kitschlover

sparrow | 11. Februar 2000, 22:20 | ganz alter Kram

Ich wußte es immer. Sindy liest heimlich mein Tagebuch, um mich dann im Extra-Markt mit der Frage zu überfallen, welche Kroketten ich denn heute wählen würde.
Ich nahm übrigens die von Tip, weil ich nur zwanzig Mark hatte und auch noch einem bärtigen und nörgelnden Zeitgenossen sein Bartschneidegerät zuschicken mußte. Kroketten und Salat sind derzeitig meine Hauptnahrungsgrundlage, weil es schnell geht und lecker schmeckt. Und Joghurt esse ich, weil ich es versprochen habe.

"Kitsch" sagt meine liebe Sindy. Und meint damit den Cocktailshaker, den ich liebevoll an meine Brust drückte. Zugegeben, er sieht nicht sonderlich schön aus, aber ich finde ihn wundervoll. Und an Sindys Mißbilligung bin ich inzwischen gewöhnt. Das hält mich nicht ab, einen scheußlichen Cocktailshaker zu kaufen, wenn ich ihn wirklich haben will.
Jetzt kann ich Cocktails shaken wie eine Wilde und auch Salatsaucen, wenn mir der Sinn danach steht.
Ein echter Barkeeper würde vermutlich schmerzlich zusammenzucken, wenn er sähe, mit welcher Hingabe ich alles shakebare shake, aber ich kenne keinen und drum stört mich auch die Mißbilligung von dieser Seite keinen Pfennig.


Gestern hat der Ex-Studentenrat mit Hingabe 500 DM verfuttert. Wir gewannen den Sozialpreis der Kaschade-Stiftung und überlegten wirklich hart, was wir mit dem Geld anstellen sollten, bis wir auf die geniale Idee kamen, es sinnlos auf den Kopf zu hauen.
Die Kellnerin im Jardan freute sich mit Sicherheit, da wir auch mit vereinten Anstrengungen und den teuersten Gerichten, inklusive Vorspeisen und diversen Getränken immer noch nicht einen glatten Betrag von 500 DM hatten. Den Rest gaben wir dekadent und fröhlich juchzend als Trinkgeld. War das ein Spaß.
Insbesondere, als die wilde Tauschorgie eröffnet wurde und wir Maiskolben und Fleischstückchen zum Probieren quer über den Tisch reichten. Meine Mama wäre zusammen gebrochen, ob unseres ungeheuerlichen Betragens.

Apropos Mama. Die hat mich mit drohendem Unterton in der Stimme gewarnt, ihren neuesten Spleen in einer Geschichte oder einem Artikel zu verbraten.
"Wehe.." sagte sie. "Wehe..." Das betrübt mich wirklich sehr, denn der Spleen würde sich vortrefflich eignen.
In regelmäßigen Abständen gibt sich Mama nämlich neuen Welterkenntnissen hin, die sie zwar mit Augenzwinkern verbreitet und auch selbst nicht ganz ernst nimmt, aber trotzdem beharrlich verfolgt.
Solange es mich selbst nicht betrifft, kann ich amüsiert schmunzeln.
Aber ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als unsere gesamte Familie vor dem Frühstück zwanzig Minuten mit Sonnenblumenöl gurgelte, um Bakterien aus dem Körper zu ziehen. (Obwohl es ja wirklich sein könnte, daß es hilft.) Das war weniger lustig, denn Sonnenblumenöl schmeckt auf nüchternen Magen nicht ganz so toll, besonders nicht, wenn man es durch die Zähne flitscht.

Abgesehen von diesen kleinen Freuden, war die letzte Woche die Hölle. Mathe und Psychologie, dazwischen ein Essay, welches ich an diesem Wochenende noch fertigstellen werde, die Südafrikapage, die Mappe für Marketing und Montag die Rechtklausur.
Das miese Wetter tat das seine dazu, um mir die Stimmung zu verhageln. Manchmal wünsche ich mir ein anderes Leben. Eines ohne Regen und ohne Klausuren.
Und wenn nicht das, dann doch jemanden, der mir übers Haar streicht, während ich versuche die blitzenden Buchstaben und Zahlen in meinem Kopf anzuhalten, um endlich schlafen zu können. Jemanden, der sich dann ohne Murren und ohne Ansprüche zu stellen, wieder verkrümelt, wenn ich eingeschlafen bin.
Noch eine Woche. Nur noch eine Woche. Drei Kreuze, wenn sie vorbei ist.



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