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Inspirationslos | WEBLOG | Hallo Hamburg

Oma Helmi

sparrow | 30. März 2000, 22:36 | ganz alter Kram

Meine Großmutter ist 84. Weiterhin fallen mir nur Floskeln ein, wie "sie hat ihr Leben lang gearbeitet", was mit Sicherheit stimmt, denn die Familie war arm und da waren vier Kindermünder, die gestopft werden wollten.
Mit über sechzig hat sie noch einen Schulterstand zwischen zwei Stühlen vorgeführt. Daran kann ich mich aber nur noch aus Erzählungen erinnern. Ich weiß aber noch genau, wie sie mit achzig Jahren ihr Bein locker auf Hüfthöhe schwang. Ich glaube, es ist wichtig für sie, demonstrieren zu können, daß sie zumindest ihren Körper noch im Griff hat, wenn so vieles andere auch nicht mehr.
Während ich schreibe, muß ich krampfhaft darauf achten, nicht in der Vergangenheitsform zu schreiben, denn meine Großmutter liegt im Sterben. Ich finde es barbarisch, Nachrufe zu veröffentlichen, wenn die betreffende Person noch morphiumbetäubt in einem Krankenhausbett liegt. Ist dies bereits ein Nachruf? Ein Ruf vielleicht.
In letzter Zeit hatte ich wenig Kontakt mit meiner Oma. Alle Gründe, die mir einfallen, scheinen mir jetzt fadenscheinig. Ich habe die Chance verpaßt.
Mir fällt nicht viel ein, was ich über ihr Leben weiß. Kindheitsgeschichten von meinem Vater und wie sie mir Lieder beigebracht hat, die ich heute noch auswendig weiß. Das Lied von dem Polenmädchen, daß nicht küssen wollte und von dem Mädel mit dem güldenen Band.
Und ich kann mich an Gerüche erinnern und daran, daß ich bei ihr immer Zitronentee getrunken habe. Ich rutsche doch ab in die Vergangenheitsform.
Ihr langes, schwarzes (mit grauen Strähnen durchsetzes) Haar trägt sie stets in einem Knoten am Hinterkopf. Dazu bevorzugt sie Kittel. Mit Blumen manchmal.
Ich weine und es tut mir weh, daß jemand, der mein Leben lang da war auf einmal nicht mehr da sein wird.


Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, zu sterben. Würde man alle Adressen finden, um meine Freunde von meinem Tod zu unterrichten? Würde jemand mein Tagebuch beenden? Wie würde mein Grabstein aussehen?
Oder wie wäre es, wenn einer meiner Lieben sterben würde? Dieser Gedanke treibt mir die Tränen in die Augen. Ich will nicht, daß jemand nah an mir für immer geht. Manchmal ist aber schon ein "Tut mir leid" alles, was es braucht, damit ganze Monate von verletzten Gefühlen in den Hintergrund rücken. Irgendwie sind Kleinigkeiten auch gar nicht so wichtig. Wichtig sind die großen Sachen. Gefühl. Nähe. Liebe.

Dörtchen, ich hab Dich auch lieb.



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