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Silvesternachwehen | WEBLOG | Renovierung

Der gefallene Engel

sparrow | 21. Januar 1999, 19:44 | Kolumnen

Die verlorene Gestalt stand einfach da. Ein müdes Straßenlaternenlicht beleuchtete die düstere Straße, machte die Dunkelheit noch dunkler.
Die Gestalt stand und betrachtete erstaunt ihre wunden Füße. Unter den Füßen zogen sich die unbarmherzigen weißen Mittelstreifen dahin, jene Streifen, die sie bis hierher getrieben hatten. Um das Wesen ließ sich ein Hauch von vergangenem Glanz erahnen.
Jetzt hing das Haar strähnig ins Gesicht und die zerrissenen Kleider waren schon lange nicht mehr strahlenden weiß.

Lange war sie gelaufen, diese befremdliche Person. Völlig erschöpft und dem Ziel noch genauso fern, wie zu Beginn ihrer Reise.
Still und leise begann sie wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer genau auf das Weiß der Straßenmarkierung. Den dunklen Asphalt mied sie sorgfältig.
Sie wußte nicht, sondern ahnte instinktiv. Wußte nicht, woher sie kam und wer sie war. Wußte nicht, wohin sie wollte. Aber sie wußte, daß sie früher oder später dort ankommen würde.
Sie wanderte sie bedächtig und lautlos, den Kopf nach unten geneigt. Der harte Weg watteweich unter ihren nackten Zehen. Kein spitzes Steinchen schmerzte. Ein dichter Schutzwall aus klebriger Schwäche erstickte jegliches Gefühl. Die Nervenimpulse versickerten haltlos.

Plötzlich hob sie den Kopf. Die Augen flackerten in tiefen Höhlen.
Ein Standbild aus Granit schaute zurück. Sanft strahlte es in der Düsternacht. Die steinernen Haare waren erstarrt in dem imaginären Windhauch, den nur der Künstler sah. Frei flatterten sie in Unbeweglichkeit. Der Mund war geöffnet, ein Lachen kräuselte sich an den Mundwinkeln. Lautlos perlte es zum Himmel hinauf.
Den Kopf in den Nacken gelegt betrachtete das Geschöpf die Skulptur, deren Züge so sanft schienen, als wäre es Samt und kein Stein.
Erinnerungsschwaden wabberten zwischen den Schemen. Sehnsucht stieg auf, fast greifbar materialisiert. Weit geöffnet waren die Arme der Statue, als lüde sie die ganze Welt ein, an der eigenen Freude teil zu haben. Die Gestalt schmiegte sich hinein.
Und endlich, endlich begann der Regen zu fallen.



Kommentare

Elli | 12. September 2007, 21:28

Also diese kolumne ist wirklich schön o.o!!!!!
wenn du die selbst geschrieben hast , muss ich dich echt bewundern O.O ;)
:( !!!!!!

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sparrow | 12. September 2007, 23:46

Liebe Elli,

den Text habe ich damals selber geschrieben, ja. Ob man mich dafür bewundern muss... Keine Ahnung.

Damals ging es mir so verdammt scheiße, dass ich mir nur mit wild-romatischen und überdramatischen Texten ausdrücken konnte.

Vielen Dank trotzdem für Dein Lob. :)

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