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Alternativprogramm (2) - Ich meinte das ernst | WEBLOG | Fähigkeitenzauberer, mitfühlende Häuser und Vorfreude

Wenn ich im Wald umfalle und niemand ist da und hört es...

sparrow | 06. August 2006, 13:43 | Wortspaltung

Früher, damals, vor unendlichen Jahren, als ich mich regelmäßig in Chats herumtrieb und lollte und gggte und frinste was die Tasten hergaben gab es zwei Standardfragen. Die erste kam recht frühzeitig und hieß in Fachkreisen "Mow-Frage" von "Männlich oder Weiblich?" Damit outeten sich Anfänger und Cybers*xler innerhalb von 5 Sekunden. Die "Clique" und ich antworteten in der Regel mit allen Buchstaben des Alphabets und wilden Akronymen, die just in diesem Moment entstanden.

Die zweite Frage kam, wenn man sich etwas besser kannte, häufig miteinander geggt und gelollt hatte, diverse virtuelle Jokes gerissen hatte und überhaupt verdammt nah an allerbester Kumpel ever war, (Das dauerte so knapp 3 Tage - Rapid Intimacy nennt sich das Phänomen.) kam die Frage nach dem RL, dem "real life", dem Leben außerhalb der virtuellen Steppe oder Zauberwald oder Hafen oder wo man sich sonst so tummelte. Wer nach "RL" fragte, wollte wissen, wie die Person hinter der Tastatur aussah, wie der Charakter hinter der Chatfigur war, welche Ziele, Meinungen und Berufe man anstrebte, vertrat und ausübte.

Über das Chatten wollte ich mich aber gar nicht auslassen. Das war nett, lustig, ziemlich zeitraubend und nach einiger Zeit fürchterlich repetitiv. Immerhin kann ich jetzt blind mit 10 Fingern tippen und zwar ziemlich fix.

Was mich aber wirklich fertig macht, ist, dass die blöde Ausdrucksweise "RL" in der Übersetzung den Weg in die Alltagssprache gefunden hat und zwar als das unsägliche "im wirklichen Leben". Hallo? Roflt irgendwer, statt sich vernünftig abzurollen? Liest man in Artikeln, dass jemand herzhaft lollte? Nein? Warum, warum, warum dann also ausgerechnet dieser bescheuerte Ausdruck.

Mir läuft es jedesmal kalt den Rücken runter. "Im wirklichen Leben ist er Bauarbeiter" in einer Reportage über einen Mann, der vielleicht in seiner Freizeit außergewöhnliche Topfpflanzen züchtet. Ursprünglich war der Begriff ja eine Abgrenzung zwischen der virtuellen Welt und der Welt ohne Tastatur. Inzwischen werden damit Unterschiede zwischen Beruf und Hobby gekennzeichnet. Das wirkliche Leben ist immer der Beruf. Was bitte ist denn dann die Freizeit? Lala-Land und Märchentraum? Standby, bis der Schalter morgens um neun umgelegt wird und man wieder Existenzrecht erhält? Aufenthalt in der Besenkammer mit Ausgang um Konsumpflichten nachzukommen? Argh!

Ich bin real. Immer. If you prick me, do I not bleed, egal ob ich arbeite oder nicht.
Ich werde nicht weniger wirklich, nur weil ich einem obskuren Hobby nachgehe oder Wochenende ist. Wenn ich die Augen zu mache, bin ich da und spüre wenn zarte Finger Buchstaben und Blumentöpfe auf meinen Rücken malen. Wenn ich in der Badewanne untertauche und gleichzeitig laut singe, bin ich da. Wenn ich auf Socken durch die Küche schlittere und dabei für ein imaginäres Publikum Roland Kaiser Lieder in einen Kochlöffel trällere, bin ich da.

Ich verbitte mir jegliche implizierte Andeutungen, meine Freizeit könnte weniger real sein, als mein Weg ins Büro. Und weil ich grad dabei bin, beziehe ich den Rest der Welt mit ein. Lasst Euch Eure Wirklichkeit nicht nehmen!

P.S. Und Gänsefüßchen, ob nun getippt oder mit den Fingern in die Luft gehakelt, besagen ja mal so gar nichts. Wenn man weiß, dass ein Ausdruck so blöde ist, dass er Gänsefüßchen braucht, sollte man einen anderen suchen.



Kommentare

Sy | 02. Dezember 2006, 01:28

Der Artikel spricht mir so richtig aus dem Herzen. Vor allen Dingen die Aussage zu die Gänsefüßchen kann ich untersteichen. Wie blöd sieht es aus, wenn man mit beiden Händen rumfuchtelt um dadurch etwas auszudrücken.
Leider stelle ich fest, dass ich mich immer stärker konzentrieren muss, nicht auch Gänsefüßchen in die Luft zu "hakeln".

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AzubiTekki | 14. September 2007, 14:43

Ich kann dir da nicht zustimmen... ich finde " wichtig... (genauso wie meine ...)

Im Chat, bei Nachrichten Mails usw deutet es eine Ironie an, oder eine Verdeutlichung, dass das gesagt nicht ernst gemeint ist und man doch bitte über die vielen anderen Möglichkeiten nachdenken soll.

Ich hab mir auch angewöhnt wenn ich Ironie im Sprachgebrauch verwende " zu verwenden. Zwar nicht mit Armgefuchtel aber doch mit den Händen (und dem Kopf)...

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