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Wirre Onlinebeziehungen | WEBLOG | Ein neuer Mohonat ist wie ein neues Leheben

Es klingelt nicht

sparrow | 21. September 1998, 20:21 | Kolumnen

Mein Telefon ist schwarz. mattierter Kunststoff. Die Tasten sind schön geformt. Gut zu treffen. Selbst im Dunkeln. Mein Telefon ist wunderschön. Ich habe es im Sonderangebot erstanden. 35,00 DM bei der Telekom.
"Es ist nur noch schwarz da"
entschuldigte sich die Verkäuferin. Schwarz war in Ordnung. Ich mag schwarz. Ich mag mein Telefon. Es hat nur einen entscheidenden Fehler. Es klingelt nicht. Ich schüttle es. Es klingelt nicht.

Ich aber bin eine moderne, selbstbewußte, junge Frau. Ich habe es nicht nötig, auf das Klingeln eines Telefons zu warten, wie ein erstmalig verliebter Backfisch. No way, José. Ich warte nicht.


Das Telefon stört das wenig. Es klingelt nicht. Was bedeutet, daß mich niemand anruft.
Ich summe leise: "Kein Schwein ruft mich an..." und schaue provozierend zum Telefon hinüber. Keine Reaktion, soweit ich das beurteilen kann. Es schaut höchstens leicht gelangweilt zurück. Es kennt diese Prozedur inzwischen.
Leise murmle ich "blöde Ratte!" in meinen nicht vorhandenen Bart und meine damit sowohl das Telefon, als auch die Person, die sich da so standhaft weigert, meine Nummer zu wählen.

Überlege, ob ich Interesse an einer weiteren tiefgründigen Diskussion mit dem Anrufbeantworter eben jener Person habe und beschließe, daß dies eindeutig nicht der Fall ist.
Naja, eigentlich habe ich schon Interesse.... aber der Eindruck, den meine Stimme auf jenem AB hinterläßt, wenn man sie fünfmal hintereinander hört, möchte ich mir nicht vorstellen. Möchte auch nicht, daß jemand anders sich das lebhaft vorstellt - wo möglich noch aus eigener Erfahrung. Dreimal an einem Abend ist mehr als genug.
Anrufen und schnell wieder auflegen, wenn sich niemand meldet? Ich denke wieder an den verliebten Backfisch und lege diesen Plan seufzend zu den Akten.

Klingle, klingle doch endlich. Bitte. Ruf an! Sofort!
Auch die autoritäre Ader scheint nicht zu wirken. Entweder bin ich nicht überzeugend genug, oder ich muß noch an der telepathischen Fernübertragung arbeiten.

Ach! Womit habe ich das verdient?
Ich denke an all die Frauen, die weltweit vor ihrem Telefon sitzen und es wartend anstarren. Beten und bitten. Und die all abendlich ins Bett gehen, mit einem kollektiven "Scheiß Männer" auf den Lippen. Ich fühle mich solidarisch mit ihnen allen.

Horch! Es klingelt! Ich sende ein Dankgebet Richtung Himmel. Ich bin erhört worden. Gehe dran. Schluchze ein rauchiges "Ja" in den Hörer. Meine Mutter!
"Ja, schön Dich zu hören. Ja, ich hab lange nicht mehr angerufen. Ach ja? Du bist erkältet? Das tut mir leid. Nein, du störst eigentlich nicht, aber...."
So schnell, wie möglich abwimmeln. Ich mag meine Mutter, aber augenblicklich blockiert sie meine Leitung. Die frei bleiben muß. Weil ja jemand anrufen könnte.

Jemand, den ich im Augenblick würgen könnte. Weil er nicht anruft. Weil ich auf den Anruf warte. So verzweifelt warte. Wie gestern abend. Und vorgestern auch schon.
Ab wann darf man böse sein, wenn jemand nicht anruft. Sondern statt dessen anderweitig telefoniert.
Das weiß ich natürlich nicht, weil ich gestern von 0.30 bis 2.00 Uhr im fünf Minuten Takt angerufen habe. Würde mir nicht einfallen. Ich bin doch nicht völlig verrückt. Verrückt nicht. Aber verliebt. Und das heiß!

Triumphierend werfe ich meinem Telefon diesen letzten Satz entgegen. Es schaut blasiert zurück.
Kühl bleiben, scheint es zu sagen. Kühl und gelassen!
Meine Güte. Ich bin kühl und gelassen. Ist schließlich nicht das erste Mal, daß ich verliebt bin. Und damit vor einem nicht klingelnden Telefon sitze. Moment.. wieviel Uhr ist es? Viertel vor neun. Zu früh. Zu früh um einen Anruf zu starten. Halbe Stunde noch. Halb zehn. Perfekte Zeit um betont lässig zu sagen: "Wollt nur mal hören, ob Du noch lebst."

Obwohl das anderthalb stündige Besetztzeichen gestern abend doch eigentlich ein eindeutiges Lebenszeichen ist. Aber das weiß ich ja nicht. Weil ich wie gesagt gestern nicht insgesamt 53 auf die Wahlwiederholungstaste gehauen hab.
Das Handy war übrigens auch nicht eingeschaltet. Glaub ich. Weiß ich natürlich nicht, weil ich nicht versucht habe, ihn über Handy zu erreichen. Wer bin ich denn?

Ruhig durchatmen. Er wird anrufen. Schließlich denkt er an mich. Ist nur viel beschäftigt. Hat er gesagt.
Verflucht! Mir ist nicht mehr zu helfen. Ich drohe meinem Telefon einen sofortigen Fenstersturz an, wenn es nicht sofort klingelt. Was es auch brav tut. Triumphierend nicke ich. So ging das mit der autoritären Ader.

"Oh Du bist es."
Wie mühevoll es doch ist, nicht enttäuscht zu klingen. Weil jemand dran ist, mit dem ich reden möchte. Nur halt nicht jetzt. Jetzt warte ich. Auf jemanden anderen. Verständnis am anderen Ende der Leitung. Man wollte auch nur kurz um Rückruf bitten, um sicherzugehen, daß das Telefon noch funktioniert. Weil es auch nicht klingelt. Ich nicke. Kenne das. Rufe sofort zurück.
Das Telefon am anderen Ende der Leitung ist natürlich nicht kaputt. Wir wünschen uns gegenseitig viel Glück und verfallen wieder in unsere Wartepositionen.

Ich horche in mich hinein. Habe ich Hunger? Ja, eindeutig. Ich habe Hunger. Beschäftigungstherapie. Frustfraß.
Das Telefon kostet mich noch meine Figur. Oder besser, der Knilch hinter dem Telefon. Seine Schuld, wenn ich einen fetten Hintern kriege. Seine Schuld. Sein Nachsehen. Und das hat er dann auch verdient.

Wo er nur steckt? Ob mit einer anderen Frau... Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin modern und aufgeschlossen. Selbstbewußt. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Ich hab es nicht nötig auf Hirngespinste eifersüchtig zu sein.

Ich habe es auch nicht nötig, wie festgepappt am Telefon zu warten. Ich werde jetzt zur Tanke marschieren und mir Schokoriegel besorgen. So.
Mutig ziehe ich meine Schuhe an und schließe die Tür hinter mir. Schrott! Schlüssel drin vergessen. In diesem Moment höre ich das Telefon schrillen. Der Anrufbeantworter springt an. SEINE Stimme! Aaargh!! Nein! Das glaub ich einfach nicht. Ich weigere mich, das hier zu glauben. So viel Pech kann eine alleine doch gar nicht haben.

Resigniert hocke ich mich vor meine Tür. Naja. Wenigstens hat jetzt die Warterei ein Ende. Ob er es wohl noch mal probiert?


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