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Raststättenblues | WEBLOG | Laufburschenleben

Der Gockel

sparrow | 04. August 1998, 20:27 | ganz alter Kram

Friedlich döse ich in meinem Abteil vor mich hin. Die Sonne knallt. Der Bilderbuchsommer zeigt nochmal, was er kann.
"Wuppertal-Vohwinkel" plärrt die blecherne Lautsprecherstimme. Selbst die Bremsen quietschen träger als sonst in der Hitze.
Da plötzlich weht ein frischgeduschtes Lüftchen herüber. Ein Lüftchen, welches sich offensichtlich in Rasierwasser gewälzt hat.
Langsam drehe ich mich herum, um nach dem Verursacher jener olfaktorischen Belästigung Ausschau zu halten.

Der öffnet gerade die Schiebetür und begutachtet nachlässig die anwesende Weiblichkeit.
Ein Jüngling von eher schmächtiger Statur - freundlich ausgedrückt - hat die Bühne betreten. Mit einer Dramatik, um die ihn selbst Rudolpho Valentino beneiden würde.
‚Der Gockel kehrt heim in seinen Hühnerstall', schießt es mir durch den Kopf.
Der parfümierte Knabe setzt sich nachlässig und schlägt die Beine übereinander. Er ist cool. Er ist der King. An diesem Samstagnachmittag gibt es niemanden, der ihm das Wasser reichen kann.

Ich betrachte ihn verstohlen oben bis unten. - Weißes Schlaghöschen, welches wohl seinen nicht vorhandenen Hintern betonen soll. Blaues Polyesterhemd mit Haifischkragen. (Ich dachte, die wären mit Ende der Siebziger verboten worden) Etwa 1,70 m groß. 1,60 ohne Schuhe.

Ich kichere leise. Trügen Pudel Gel, würden sie so aussehen, wie der Schopf dieses Bübchens. In die Mitte der Stirn fällt ein lässiges Löckchen, daß treu und tapfer niemals seinen Platz verläßt. Einbetoniert, möchte man fast sagen.
Er schielt über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg. Cool, wie seine Raverhelden es bei Viva tun. Samstagnachmittag, der Gockel auf Brautschau.

Er wägt ab, wie er mein amüsiertes Grinsen deuten soll. Interpretiert es einfach mal als Anmache. Nein, welch Kompliment. Eine ältere Frau, die sich für ihn interessiert.
Seine erotisch geschwungenen Lippen hauchen ein "Hi".
Ich ziehe verwundert eine Augenbraue hoch. Meint der wirklich mich? Das darf doch nicht wahr sein. Ein verkleideter Teen gräbt mich an.
Ich verbeiße mir mühsam ein lautes Auflachen und vertiefe mich wieder in mein Buch. So kriegt man mich nicht.

Er - noch lange nicht am Ende seines Reportoires - zückt seine Zigarettenschachtel und bietet mir galant eine an. Gibt fachmännisch Feuer.
Mein Blick trifft den des alten Mannes neben ihm. Wir nicken uns kurz zu. Verstehen uns ohne viel Worte. Gockel! Sagt unsere sekundenlange nonverbale Kommunikation.

Der Typ kaspert derzeitig herum, in der Hoffnung meinen Blick auf sich zu ziehen. Fährt sich mit der Hand durch perfekt sitzendes Haar, zupft das Mittellöckchen zurecht, und schielt immer wieder über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg.

Nächste Station. Er muß aussteigen. Bevor er völlig verschwindet, lädt er mich mit einer Kopfbewegung ein, ihn zu begleiten.
Ich schüttle den Kopf.
Heute stehen Grillhähnchen nicht auf meinem Speiseplan.



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