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Pseudopsychologie im Supermarkt | WEBLOG | Heimatgefühle

Zwischen Himmel und Erde

sparrow | 13. Juni 1999, 20:29 | ganz alter Kram

Ein gemeinschaftliches 12-stündiges Saufgelage unter Anleitung hat uns zusammen geschweißt. Jetzt sitzen wir gemeinschaftlich in einem Lokal, grölen immer mal wieder die erste Refrainzeile von Totos "Africa" und fühlen uns rundrum wohl. Beduselt, satt und wunderbar leicht.
Typische Tourikonversationen. "Was macht ihr morgen?" "Och.. " sagen wir. Den Tafelberg haben wir hinter uns. Cape Point und Cape of Good Hope haben wir angeschaut. Die Waterfront bleibt und Robbenisland. Einmal einen Blick in Nelson Mandelas Gefängniszelle werfen und dann verwerflich viel Geld ausgeben auf der Shoppingmeile.
Die vier Amerikanerinnen nicken sich zu. "Wir werden sky-diving gehen."

Ich ziehe pflichtschuldig beeindruckt meine Augenbrauen hoch. Blicke zur Seite und erstarre. Sindys Augen leuchten und ich bin mir ziemlich sicher, daß dieses nichts Gutes zu bedeuten hat. Bitte, bitte, bitte nicht. Da kommt es auch schon. "Sollen wir auch...?"
Ich kratze verzweifelt meine Argumente zusammen. Erstens wollte ich dringend das Gefängnis sehen, zweitens hab ich noch zu viele Rand, die ich ausgeben muß und drittens, was kostet das denn überhaupt?
Angesichts des genannten Preises kann ich mich ruhigen Gewissens in meine bedürftige Börse zurückziehen. Das kann ich keinesfalls bezahlen.

Sindys Augen leuchten immer noch. Irgendwie scheint sie von meiner ausgeklügelten Argumentation nicht überzeugt zu sein.
"Ich schenke es Dir zum Geburtstag!" schlägt sie tatendurstig vor. Ich hüstle verzweifelt in meine Serviette. Höhenängstlich, wie ich bin kriegen mich keine zehn Pferde in ein Flugzeug, daß ich dann im freien Fall wieder verlassen soll.
Zehn Pferde sind auch gar nicht nötig nur eine unternehmungslustige Reisegefährtin, die sich außerdem durch einen eisenharten Dickkopf auszeichnet. Sie geht morgen Skydiving. Punktum. Wenn ich zuviel Angst hätte, könnte ich ja unten stehen bleiben und zugucken.
So weit kommt es noch, daß ich wartend am Boden bleibe, während meine Freundin sich in die Tiefe stürzt. Wenn, dann gemeinsam in den Tod.

Der nächste Morgen kommt viel zu schnell. Pünktlich um neun Uhr werden wir abgeholt und zu einem kleinen Flughafen gefahren.
Eine umfangreiche Einweisung durch unsere Springpartner bereitet uns vor. Wir üben Trockenspringen aus der geparkten Cessna, setzen probeweise Fliegerbrillen auf, schauen Videos.
Man erklärt uns die richtige Körperhaltung: Beine anwinkeln und Arme ausstrecken. Um die Öffnung des Fallschirms müssen wir uns nicht kümmern. Wir werden einem Profi vor den Bauch geschnallt, der sich dann um die sanfte Landung kümmert. Tandemspringen nennt sich das. Und sollte unsern Tandempartner ein spontaner Herzinfarkt ereilen, gibt es einen Ersatzschirm, der sich automatisch kurz vor dem Boden entfaltet.
Aha. Vertrauenserweckend.

Ein anderes Pärchen springt vor uns. Gemächlich landen sie auf dem Sandplatz vor der Blechbaracke.
Während fleißige Helfer die bunten Schirme sorgfältig zusammenfalten, gibt man uns Anweisung für die letzten Vorbereitungen. Schokolade sollen wir essen. Schokolade? Das beste Mittel gegen den Adrenalinrausch. Angeblich ist schon mal jemand ohnmächtig unten angekommen, weil er keine Schokolade gegessen hatte. D
as soll uns nicht passieren. Wir stopfen uns mit Süßem voll und ziehen uns die kleidsamen orangefarbenen Overalls über.
Der Pilot stellt sich vor und scheucht uns in Richtung der winzigen Cessna, die einen wenig zuversichtlichen Eindruck macht. Viel dünnes Blech, abblätternde Farbe und eine Seite ist offen.
Meine Reisegefährtin ist fixer als ich und sichert sich den Platz auf der geschlossenen Seite. Ich muss außen sitzen.
Unsere Tandempartner quetschen sich hinter uns und dann heben wir ab.

Bei 3000 Fuß zerre ich mir meine Schutzbrille über den Kopf. Mein Ohrring verfängt sich im Gummiband. Einmal kräftig gezogen und schon fliegt eine kleine goldene Scheibe in Richtung der streichholzkleinen Akazien unter uns.
Ich schlucke. Ich habe weiche Knie. Ich will nach Hause.
Doch schon steht mein Fuß auf der Kufe, beide Hände - wie geübt - and der Tür. Ein kleiner Schubs meines Partners und dann...
.. fliege ich.
30 Sekunden lang. Pures Glück und Adrenalin strömt durch meine Adern.
Ich reiße die Augen weit auf, will alles auf einmal sehen. Der Himmel blauer, die Sonne heller, die Bäume grüner.
Keine Angst mehr, nur dieses unglaubliche Gefühl.
Ich reiße den Mund weit auf, schlucke Luft und lache, lache, lache.
Ich kann fliegen.



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