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Gone with the Herd | WEBLOG | Zwischen Himmel und Erde

Pseudopsychologie im Supermarkt

sparrow | 14. Mai 1999, 22:38 | Kolumnen

Ab morgen ernähre ich mich gesund denke ich, als ich etwas verlegen meine Einkäufe auf das Fließband lege. Chips, Fertignudelsauce, mehrere Packungen Negerküsse, Schokolade, eine Familienpackung Toastbrot, Nutella, Flasche Weißwein und ein paar Alibitomaten.

Angeblich kann man die Persönlichkeit eines Menschen nach einem Blick in seinen Einkaufskorb bestimmen. Ich hoffe ernsthaft, daß keine Freizeitpsychologen im Supermarkt herumwandern, auf daß ich dann irgendwo in der nächsten Bild der Frau erfahren darf, daß ich in meiner Eigenschaft als Toastbrotkäufer quasi ein charakterliches Weichei bin, dem es am nötigen Biß fehlt, sich in der Welt zu behaupten - ganz im Gegenteil natürlich zum Vollkornbrötler.
Jede Wette, daß der Schreiberling in seinem Einkaufskorb ausschließlich kernig-gesundes zuläßt.

Dabei ist die Erklärung für meine merkwürdigen Einkaufsgewohnheiten ganz einfach. Weder bin ich ein potentieller Psychopath, der durchdreht, wenn er seinen täglichen Schuß Schokolade nicht bekommt, noch haben meine Eltern mich nicht geliebt, so daß ich Zucker als Liebesersatz sehe.
Es gibt keinen Grund für ausschweifende Mißinterpretationen. Ich versuche es mit einem einzigen Wort. Prüfungszeit.

Für die meisten Leute, ob retropesktivischer Alptraum oder brutale Gegenwart, schlimmer als Jack the Ripper und Jason als Überraschungsgäste auf der eigenen Geburtstagsfeier.
Prüfungszeit, daß heißt durchwachte Nächte, nervöses Gebibbere während die Zettel ausgeteilt werden, leere Patronenhülsen in den wichtigsten Momenten.
Etwa zwei Drittel aller neurotischen Magenbeschwerden sind direkt auf eine Prüfungsperiode zurückzuführen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Wo nun ist die Verbindung zwischen meinem allen Prinzipien der gesunder Ernährung spottenden Einkauf und der drohenden Prüfungsphase?
Ernährungsforscher haben herausgefunden, daß unter Druck entweder extrem wenig oder extrem viel verzehrt wird.
Das Wort Ernähren ist in diesem Zusammenhang übrigens eher irreführend, da weder in den ersten noch in dem zweiten Fall wirklich von Ernährung gesprochen werden kann. Ißt man aufgrund nervöser Magenzuckungen gar nicht mehr, wird nicht ernährt. Stopft man sich allerdings mit Kalorienbomben voll, kann man eher von Mästung als von Nahrungsaufnahme sprechen.

Ich persönlich tendiere zu der Schokoladenalternative. Überhaupt ist es ja im allgemeinen so, daß mehr Energie verbrannt wird, wenn der Geist aktiv ist, als wenn er passiv auf der innerlichen Couch liegt und Chips futtert.
Das Chips futtern übernehme ich, da mein Geist ja eindeutig zu beschäftigt ist, um selbst für Energiezufuhr zu sorgen. Und Energie braucht man, sonst wird man müde und abgeschlafft und die kleinen roten Pfeile werden blau.
In solch gravierenden Fällen stopft man sich am besten mit Dextroenergen voll. Oder mit Schokolade. So wie ich.
Und dann muß man sich auch gar nicht schämen, wenn man von Kassiererinnen befremdlich angeschaut wird. Das ist nämlich eigentlich gar kein befremdlicher Blick, sondern ein demütiger. Weil die nämlich wissen, daß ausschließlich Genies Chips, Schokolade und Fertignudelsaucen als Nahrungsgrundlage wählen. Bin ich froh, daß ich kein Knäckebrot eingepackt habe.

Hochschulblatt der FH Stendal, 1999



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