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Das Geld-kein-Geld-Problem oder Hotel Mama

sparrow | 14. Februar 1999, 22:56 | Kolumnen

Studenten haben generell zu wenig Geld. Dies ist ein Fakt. Studenten hätten gern mehr Geld. Auch das ist bekannt.
Hier findet sich ein elementarer Interessenkonflikt. Unerfüllte Bedürfnisse wabbern rund um die Hochschule ohne jemals mit echter Kaufkraft ausgestattet zu sein. Die Armanispitzenunterwäsche, die Freizeityacht, die Eigentumswohnung, das Handy.
Man nenne, was man will überall stößt man auf den schnöden Mammon. Schnöde hauptsächlich deshalb, weil fehlend. Reiche Leute benutzen den Begriff "schnöder Mammon" so gut wie nie. Das tun nur Arme, die ihre Verachtung für die Konsumwut der Begüterten ausdrücken wollen, die sie so gern teilen würden.

Das aber nur am Rande.
Schon der Einkauf eines simplen Gebrauchtwagen wird zum finanziellen Fiasko - wenn er denn überhaupt stattfindet und nicht im geistigen Nirwana eines ewigen Fußgängers verschwindet.
Besonders am Ende des Monats nähert sich die Kaufkraft rapide dem Werte null. Die Taschen sind leer, der Kühlschrank ist es auch.

Wie schön war doch ehedem die Zeit, als Hotel Mama einen mit allen lebenswichtigen Vitaminen versorgte. Nett angerichtet und mit Petersiliensträußchen verziert. Pünktlich zum ersten Magengrummeln kam prompt der Nahrungsschub.
Schlaraffenland quasi, wenn auch die gebratenen Tauben nicht durch die Luft flogen und keine Schokoladenbäume direkt vor dem Bett ihre schwerbeladenen Äste ausstreckten. Fürsorge und Ernährung waren gesichert.
Die mannigfachen Übel, die mit dem Hotel Mama einher gingen, schienen damals unerträglich. Das morgendliche schlechte Gewissen, weil man gerade erst heimgekommen war, das Vorbeischleichen an der elterlichen Schlafzimmertür, die diversen Diskussionen über den Sinn und Zweck eines aufgeräumten Zimmers. Bespiele gibt es zuhauf.

Heute jedoch scheinen diese ständigen Gründe für Missstimmung nichtig und sekundär zu sein. Höchste Priorität hat allein die Füllmenge des eigenen Magens - und diese ist mehr als kümmerlich. Kurz nachgedacht und Entscheidung gefasst. Weg mit der Eigenständigkeit und her mit den geregelten Mahlzeiten.

Aber halt: der sichere Hafen, als welchen man den heimatlichen Haushalt wähnte, hatte ja als Anlegestelle bereits gekündigt.
Kaum zu fassen. Anstatt den schmerzlichen Verlust gebührend zu würdigen, konnten die Eltern es kaum abwarten, die Tür hinter dem zukünftigen Selbstversorger zu schließen. Der Spross zieht in die Welt hinaus, um selbige zu erobern und die Hinterbliebenen schmeißen eine "Endlich-Issa-Wech" - Party.
Ein Trauerjahr wäre doch nicht zuviel verlangt gewesen, oder? Nein! Das ehemalige Refugium aus Kinderzeiten wird gnadenlos niedergemetzelt. Tapete mit niedlichen Regenbogen runter von der Wand, klassisches Muster rauf. IKEA-Jugendzimmereinrichtung raus, Klavier rein. Fertig ist das Musikzimmer.
Wenn Eltern anfangen zu renovieren, ist Obacht geboten. Dann rechnen sie nicht mit baldiger Rückkehr und hoffen vermutlich auch, dass der Nachkomme in absehbarer Zeit fähig ist, sich selbst zu versorgen.
Was im Klartext bedeutet: Keine Finanzspritzen mehr aus heimischen Gefilden.
Was weiterhin bedeutet, dass anfangs erwähnte Wünsche in noch weitere Ferne rücken.

Da hilft nur eins - abgemagert und mit tiefen Augenringen zu Hause auftauchen.
Das sollte den Effekt haben, dass das von Mutter/Vatergefühlen überwältigte Elternpaar, Nahrung heranschafft und mit einem Scheck alle Probleme aus der Welt schafft. Wunderbar. Die Welt ist gerettet und das Versorgungsproblem fürs erste gelöst.

Ich sollte mal wieder nach Hause fahren.

Hochschulblatt der FH Stendal



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