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Wortklauberei

sparrow | 14. November 2000, 23:36 | Kolumnen

Ich möchte schreien und mir an den Haaren rupfen. Möchte mit dem Kopf gegen die Wand trommeln, bis der Putz abblättert und gleichzeitig eine nach Friedhof riechende Faust unter einer dem Tode geweihten Nase hin und her wedeln.
Was mich so unglaublich in Rage bringt ist leicht zu erklären: WÖRTER!
Verbale Grippeviren, die bereits ganze Volksstämme befallen haben. Über diese ärgere ich mich jetzt. Und zwar über jedes einzelne.

Ich bin ein Sprachfetischist. Nicht im wortwörtlichen Sinne aber ziemlich nah dran.
Manche Leute bezeichnen mich als haarspalterisch, aber das ist kompletter Unfug. Denn mal ehrlich: wie dick muss ein Haar sein, damit man es problemlos spalten kann? Einen Zentimeter? Zwei? Und wo kriegt man solche Haare her?
Ich schweife ab. Es ging um Worte.

Ziemlich weit oben auf meiner persönlichen Hitliste steht:: "nett". Ein nettes kleines Hilfswort, welches aber in letzter Zeit immer mehr dazu missbraucht wird, etwas zu beschreiben, was doch relativ nach am Rande des Abschaumes steht.
Natürlich nur in der IMHO des Sprechers. IMHO ist so ein weiterer Punkt, wo sich meine Fäuste automatisch ballen, um sie dem impertinenten Imhoser in die - pardon - Fresse zu hauen.
IMHO - in my humble opinion, meiner bescheidenen Meinung nach - hat sich inzwischen als kleiner Indikator etabliert, mit dem der Betreffende anzudeuten wünscht, dass seine Meinung IMHO ganz und gar nicht IMHO ist, sondern es sich viel mehr um allseits bekannte Gesetzlichkeiten handelt.
Besonders, wenn es darum geht, jemanden anderes argumentativ in Grund und Boden zu stampfen. Ganz besonders dann.

Beliebtes Mittel, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren ist übrigens "recht", wie in "recht" witzig oder "recht" angenehm oder für die Könner "recht" nett.
Das muß nämlich in Gedanken ergänzt werden durch: "Du in Deiner kleingeistigen Plexiglaskapsel aus Hera-Lind-Weisheiten und Windows-Solitär findest das bestimmt supi toll, doch ich, in meiner Eigenschaft als Weltmann/frau, kann darüber einfach nur schmunzeln. Aber wenn ich Deinen beschränkten Horizont hätte, fände ich das bestimmt auch unglaublich"
SCHMUNZELN!! Dem nächsten Schmunzler werde ich seine arrogante Nase platt drücken.
Schmunzeln ist so ein hübsches Wort. Elliot das Schmunzelmonster habe ich geliebt. Und jetzt kommen da diese aufgeblasenen Wichtigtuer und schmunzeln auch. Aber anders. Nämlich am liebsten dann, wenn der Gesprächspartner gerade an die Decke geht. Um ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Ha!

Gnadenlos ist auch das neue Lieblingskind der E-Commerce - Menschen. "Bequem von zuhause bezahlen".
Zahlen ist niemals bequem. Zahlen ist im höchsten Maße unbequem.
Bedauerlicherweise entlockt mir diese Formulierung ein gewisses pawlovsches Wauwau.
So legte ich letztes gemütlich und "bequem" meine Füße hoch und ertappte mich dabei, wie ich meine Kreditkarte dem Couchtisch reichte.
Und das ist doch jetzt mal ehrlich besorgniserregend.

Magicmirror, 2000



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