Baum

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a sparrow, not a feature

Mär von der unerfüllten Liebe eines Kaktusses zu einem Gänseblümchen | WEBLOG | Chaoskind auf Reisen

Jay

sparrow | 21. Oktober 1998, 20:28 | Kolumnen

Ein Gott bei McDonalds Wir lieben McDonalds. McDonalds ist Kult. Das Ambiente ist (fast) gut, das Essen (meistens) warm und danach ist man pappsatt. Außerdem - und das ist wohl der Hauptgrund, warum wir dort regelmäßig speisen - ist es billig.

Wenn wir bei McDonalds essen, nehme ich immer einen BigMac. Er ißt einen McChicken, zwei Cheeseburger und den Rest von meinem BigMac, den ich selten ganz schaffe.
Zusätzlich bestellen wir ein Menü und teilen uns die Pommes Frites und das Getränk. Meistens Fanta. Er mag keine Cola.
Wir stellen uns abwechselnd in die Schlange, während der andere zwei Plätze an einem Plastiktisch okkupiert.

Heute bin ich an der Reihe, das Essen zu holen. Mit einem vollgestellten Tablett wusele ich durch die Menschenmenge, die sich um die Mittagszeit hier einfindet.
Irgendwann einmal werde ich eine Persönlichkeitstudie von den verschiedenen McDee-Frequentierern erstellen.. Einträchtig stehen Wall-Street-Yuppies neben Straßenpennern, Mütter mit schreienden Kindern neben aufgestylten Girlies.

Geschickt balanciere ich meine Pappe - Plastik - Fracht zwischen ihnen hindurch. Suche ihn mit den Augen. Wo sitzen wir heute? Ah da.

Er unterhält sich angeregt mit seinem Nachbarn. Und was für ein Nachbar. Ich ziehe beide Augenbrauen hoch und beglückwünsche ihn gedanklich zu seiner Platzwahl.
Was ich da sehe, gehört zu der Spezies Mann, von dem man ein Photo in seinem Portemonnaie rumträgt, um zu protzen. Blondes Haar, Dunkelblaue Augen, fein geschnittenes Gesicht, markantes Kinn.. und die Nase erst...

Bevor ich anfange zu sabbern, lasse ich mein Tablett auf den Tisch plumpsen und stelle mich vor. Jay heißt dieses Geschenk Gottes an die Frauen.
Er lächelt mich an und ich lächle geistesabwesend zurück, während ich seine ebenmäßigen Zähne bewundere. Und ein Lächeln hat der Mensch.
Ich schmelze zart dahin, wie Butter in der Morgensonne.

Jay erzählt. Mein Begleiter erzählt. Ich lächle stupide und bestaune seinen charmanten kleinen Silberblick.
Jay ist Künstler, erfahren wir. Schauspieler um genau zu sein. Ich erstarre in Ehrfurcht. Ein echter Schauspieler. Noch dazu am Broadway.
Jay wiegelt ab. Er wäre ja erst drei Monate in New York. Hätte durch Zufall und Glück die Rolle gekriegt.

Bescheiden ist er auch noch. Ich nicke verständnisinnig und formuliere im Geiste einen Telegrammtext für meine Mama:
Werde heiraten +++stop+++ Heißt Jay +++stop+++ Hat wunderschöne Nase +++stop+++ bitte schick mir mehr Geld +++stop+++Alles Liebe+++stop+++ Rebekka

Mein Begleiter schielt mich schräg von der Seite an. Ich weiß, was er mir sagen will.
Sammel Deine Kinnlade vom Boden auf und tu wenigstens so, als wärst Du fähig einen intelligenten Satz zu artikulieren.

Ich konzentriere mich also weiter auf die Geschichte von Jay's Karriere.
Gleich, so hören wir, gleich hat er seine erste Probe. Spielt die Hauptrolle in einem neuen Musical. Schrecklich aufgeregt ist er. Aufgeregt! Wie niedlich. Wie sympathisch. Wie menschlich.
Da sieht jemand aus, wie Adonis und ist aufgeregt. Ich seufze tief und voll Mitgefühl.

Er schiebt sich während dessen den letzten Bissen in den Mund. Er muß los. Am Broadway herrschen strenge Gesetze. Keine Minute darf man zu spät kommen.

Bevor er verschwindet lege ich ihm noch meinen Block unter. Bitte um ein Autogramm. Er lacht und fühlt sich geehrt. Sein erstes Autogramm.
Das wird mal Millionen wert sein, davon bin ich überzeugt. Wünsche ihm viel Glück, bevor er verschwindet.

Ich hoffe, er wechselt bald zum Filmfach. Damit ich ihn und seine Nase auf der Leinwand bewundern kann. Aufseufzend stütze ich meinen Kopf in beide Hände. Bewundere seine klare Schrift auf meinem Zettelchen. Herzensblut auf weißem Papier.

"Ißt Du Deinen BigMac noch?" Ich geb ihn rüber. Mein Appetit für heute ist gestillt.

New York, 1997



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