Baum

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a sparrow, not a feature

Wortklauberei

sparrow | 14. November 2000, 23:36 | Kolumnen | [0] Kommentare



Ich möchte schreien und mir an den Haaren rupfen. Möchte mit dem Kopf gegen die Wand trommeln, bis der Putz abblättert und gleichzeitig eine nach Friedhof riechende Faust unter einer dem Tode geweihten Nase hin und her wedeln.
Was mich so unglaublich in Rage bringt ist leicht zu erklären: WÖRTER!
Verbale Grippeviren, die bereits ganze Volksstämme befallen haben. Über diese ärgere ich mich jetzt. Und zwar über jedes einzelne.

Ich bin ein Sprachfetischist. Nicht im wortwörtlichen Sinne aber ziemlich nah dran.
Manche Leute bezeichnen mich als haarspalterisch, aber das ist kompletter Unfug. Denn mal ehrlich: wie dick muss ein Haar sein, damit man es problemlos spalten kann? Einen Zentimeter? Zwei? Und wo kriegt man solche Haare her?
Ich schweife ab. Es ging um Worte.

Ziemlich weit oben auf meiner persönlichen Hitliste steht:: "nett". Ein nettes kleines Hilfswort, welches aber in letzter Zeit immer mehr dazu missbraucht wird, etwas zu beschreiben, was doch relativ nach am Rande des Abschaumes steht.
Natürlich nur in der IMHO des Sprechers. IMHO ist so ein weiterer Punkt, wo sich meine Fäuste automatisch ballen, um sie dem impertinenten Imhoser in die - pardon - Fresse zu hauen.
IMHO - in my humble opinion, meiner bescheidenen Meinung nach - hat sich inzwischen als kleiner Indikator etabliert, mit dem der Betreffende anzudeuten wünscht, dass seine Meinung IMHO ganz und gar nicht IMHO ist, sondern es sich viel mehr um allseits bekannte Gesetzlichkeiten handelt.
Besonders, wenn es darum geht, jemanden anderes argumentativ in Grund und Boden zu stampfen. Ganz besonders dann.

Beliebtes Mittel, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren ist übrigens "recht", wie in "recht" witzig oder "recht" angenehm oder für die Könner "recht" nett.
Das muß nämlich in Gedanken ergänzt werden durch: "Du in Deiner kleingeistigen Plexiglaskapsel aus Hera-Lind-Weisheiten und Windows-Solitär findest das bestimmt supi toll, doch ich, in meiner Eigenschaft als Weltmann/frau, kann darüber einfach nur schmunzeln. Aber wenn ich Deinen beschränkten Horizont hätte, fände ich das bestimmt auch unglaublich"
SCHMUNZELN!! Dem nächsten Schmunzler werde ich seine arrogante Nase platt drücken.
Schmunzeln ist so ein hübsches Wort. Elliot das Schmunzelmonster habe ich geliebt. Und jetzt kommen da diese aufgeblasenen Wichtigtuer und schmunzeln auch. Aber anders. Nämlich am liebsten dann, wenn der Gesprächspartner gerade an die Decke geht. Um ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Ha!

Gnadenlos ist auch das neue Lieblingskind der E-Commerce - Menschen. "Bequem von zuhause bezahlen".
Zahlen ist niemals bequem. Zahlen ist im höchsten Maße unbequem.
Bedauerlicherweise entlockt mir diese Formulierung ein gewisses pawlovsches Wauwau.
So legte ich letztes gemütlich und "bequem" meine Füße hoch und ertappte mich dabei, wie ich meine Kreditkarte dem Couchtisch reichte.
Und das ist doch jetzt mal ehrlich besorgniserregend.

Magicmirror, 2000

Von Mauern und Büschen und dem ganz alltäglichen Neid

sparrow | 14. August 2000, 23:34 | Kolumnen | [0] Kommentare



Frauen sind anders als Männer. Ganz anders. In vielen Punkten.
Frauen wissen innerhalb von wenigen Monaten in einer neuen Stadt sämtliche öffentlichen Toiletten, können aus dem Kopf sagen, wo welches Toilettenpapier verwendet wird und dirigieren Ortsfremde mit Hilfe der stillen Örtchen zum gewünschten Zielpunkt. "An dem Klo mit dem geblümten Papier links ab, dann gerade aus, bis man an das stinkende Plumpsklo kommt, dann.."
Männer hingegen pinkeln an Wände.

Es gibt wenige Sachen, die mich so in Rage bringen, wie ein Mann, der nonchalant von seinem geraden Weg abbiegt, in einer Häuserecke den Hosenlatz öffnet und nach vollendetem Geschäft das Gespräche weiterführt, als sei nichts gewesen.
Wenn man Glück hat, wischt er sich flüchtig die Hände an der Hose ab, bevor er einem am Arm berührt.

Gründe für diesen Ärger gibt es viele.
Erstens die offensichtliche Respektlosigkeit.
Zweitens die offensichtliche Verunreinigung.
Drittens mein offensichtlicher Neid.
Ist es nicht zum heulen, dass ich hektisch von einem Fuß auf den anderen hüpfe, krampfhaft an möglichst trockene Sachen denke, um dann bei günstiger Gelegenheit pfeilschnell auf irgendeiner Toilette zu verschwinden, während der verdammte Kerl sich einfach an einen Busch stellt und munter vor sich hinpieselt. Ja wundert es denn da wirklich, dass Frauen öfter an Blasenerkrankungen leiden?

Ernst-August von Hannover steht übrigens ganz oben auf meiner persönlichen Abschussliste. Ich verwette meinen Nachtisch, dass auch Caroline beim Anblick der Doppelnull laut aufgejuchzt hätte. Allein Ernst-August hatte die Möglichkeit, seiner Blase Linderung zu verschaffen.
Dass er ausgerechnet den türkischen Pavillon wählte und außerdem ein Knirps mit Kamera parat stand, war Pech.
Seines wohl gemerkt, nicht meines. Ich frohlocke. Endlich bekommt ein Mann mal, was eigentlich alle verdient haben. Öffentliche Schelte und Entzug der weißen Rüstung. Ha. Ha. Ha. Geschieht ihm recht.

Nur wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, steht in der Bibel. Auf ihn, Mädels. Mit Gebrüll.

Magicmirror, 2000

Noch 3 Tage oder Gibt es ein Entkommen aus der Trashkultur?

sparrow | 14. Mai 2000, 22:36 | Kolumnen | [0] Kommentare



3 Tage noch, so sah ich gerade eben. 3 Tage bis die beiden Vorletzten aus der Fernseh WG gekrochen kommen, während der Letzte mit stolzgeschwellter Brust 250.000 DM (soviel waren es doch, oder?) in Empfang nimmt. Ich sage der Letzte und nicht die Letzte sehr bewusst, denn ich habe spontane "Jürgen, Jürgen" - Chöre auf den Landungsbrücken miterlebt. Jürgen, die rheinische Frohnatur wird also das ganze Geld absahnen, während sich der eigenbrötlerische John und die stets vernünftige Andrea die Gage von Verona Feldbusch teilen - wenn sie ihr Versprechen denn wahr macht.

Wer außer mir noch froh ist, dass der Spuk vorbei ist, hebe bitte jetzt den Finger.
Aber sein wir doch mal ehrlich: Seit unser Lieblingszicke Manu das Feld räumen musste, macht es doch nur halb soviel Spaß. Wo kommen wir denn dahin, wenn man niemand mehr richtig hassen kann, keiner mehr einen ordentlichen Streit vom Zaun bricht, man keinen geheimen Lästereien lauschen kann. Alles ist heititeiti fröhlich, freundlich und furchtbar langweilig.

Noch nicht mal die Ausgeschiedenen führen ihre interessanten kleinen Machtkämpfchen weiter. Alle haben sich lieb und auch im Haus wunderbar verstanden. Ja, doch wirklich. Und Kontakt haben sie immer noch.
Selbst die Trennung von Alex und Kerstin wurde in "beiderseitigem Einvernehmen" durchgeführt und Freunde sind sie auch.

Statt dessen triezt uns aber nun auch Alex mit seiner ersten eigenen Platte. Kein Erbarmen für die armen Radiohörer.
Muß das denn wirklich sein? Hat nicht Zlatko schon hinreichend bewiesen, dass auch mit Medienpräsenz ein Proll nichts anderes bleibt als, tja.. ein Proll halt.
Das einzig Interessante an seinem "Ich vermiss Dich wie die Hölle" ist die doch müßige Überlegung, wie sehr er die Hölle eigentlich vermisst und wann auch er beginnen wird, Freundschaftsbänder um sämtliche Extremitäten zu schlingen.

Zum Glück ist ja auf einen Verlaß. Der Theaterterrorist Christof Schlingensief hat sich der Thematik angenommen. Nachdem sein versuchter Weltrekord bezüglich der Entleerung des Wolfgangsees daneben gegangen ist, nimmt er sich nun der vielversprechenden Big-Brother Thematik an.
Er wird nämlich im Rahmen der Wiener Festtage Asylanten in einem Container einsperren, per Videokamera überwachen lassen und pro Tag nach Popularitätsvotum einen abschieben lassen. Na, ob das die Einschaltquoten in die Höhe treibt?
Wenigstens können wir immer noch singen: "Leb.. so, wie Du Dich fühlst.."

Magicmirror, 2000

Falsche Freunde

sparrow | 10. Mai 2000, 22:53 | Kolumnen | [0] Kommentare



Meine Freunde sind die falschen. Ich weiß es genau. Sicher, sie sind nett und höflich. Einige sogar gutaussehend, all das täuscht aber nicht das sie falsch sind. Falsch für mich und falsch für den von mir angestrebten Lebensstandard.

Vor kurzem bin ich umgezogen. Voll Vertrauen in meine Freunde habe ich mich auf eine Umzugskiste gesetzt und Bilder von ihnen angeguckt. Bereit, total überrascht aufzugucken, wenn sie endlich um die Ecke kämen mit einer Tüte Chips in der Hand. Allein, wer mich schmählich im Stich ließ waren meine sogenannten Freunde.

Nach zwei Tagen beschloss ich dann, dass das Warten keinen Sinn hätte und machte mich auf die Suche nach neuen Freunden. Echten. Denen man Küsschen geben kann oder zwei oder drei.
Bald wurde ich fündig. Freudig begann ich Deodorants mit mir herumzutragen, um sie im geeigneten Augenblick zu zücken.
Auch hatte ich mir beim Sperrmüll ein entzückendes Sofa besorgt und eine Dose plus Kerze um all abendlich auf die Flut zu warten.
Leider Gottes jedoch fand ich nur all zu bald heraus, dass die Wahl meiner neuen Freunde nicht all zu weise gewesen war. Sie brachten mir keine Mohnbrötchen, die ich verschmähen konnte wegen meines Zahnes, noch hatten sie in dem Fall die passende Zahnmedizin dabei. Und was noch viel wichtiger war, sie haben nie, nicht ein einziges Mal meine Hände in Palmolive getaucht!
Wenn das keine erdrückende Beweislast ist.

Wahrscheinlich bin ich einfach dazu bestimmt falsche Freunde zu finden. Es kann ja auch gar nicht anders sein, denn ich habe auch falsche Eltern. Kinderschokoladenlos wuchs ich auf, ohne die vitaminreiche Nahrung von Erasco und Nimm2. Nie bekam ich von meinem Großvater Werthers Echte.
Kein Wunder, dass aus mir nichts geworden ist.

Magicmirror, 2000

Pseudopsychologie im Supermarkt

sparrow | 14. Mai 1999, 22:38 | Kolumnen | [0] Kommentare



Ab morgen ernähre ich mich gesund denke ich, als ich etwas verlegen meine Einkäufe auf das Fließband lege. Chips, Fertignudelsauce, mehrere Packungen Negerküsse, Schokolade, eine Familienpackung Toastbrot, Nutella, Flasche Weißwein und ein paar Alibitomaten.

Angeblich kann man die Persönlichkeit eines Menschen nach einem Blick in seinen Einkaufskorb bestimmen. Ich hoffe ernsthaft, daß keine Freizeitpsychologen im Supermarkt herumwandern, auf daß ich dann irgendwo in der nächsten Bild der Frau erfahren darf, daß ich in meiner Eigenschaft als Toastbrotkäufer quasi ein charakterliches Weichei bin, dem es am nötigen Biß fehlt, sich in der Welt zu behaupten - ganz im Gegenteil natürlich zum Vollkornbrötler.
Jede Wette, daß der Schreiberling in seinem Einkaufskorb ausschließlich kernig-gesundes zuläßt.

Dabei ist die Erklärung für meine merkwürdigen Einkaufsgewohnheiten ganz einfach. Weder bin ich ein potentieller Psychopath, der durchdreht, wenn er seinen täglichen Schuß Schokolade nicht bekommt, noch haben meine Eltern mich nicht geliebt, so daß ich Zucker als Liebesersatz sehe.
Es gibt keinen Grund für ausschweifende Mißinterpretationen. Ich versuche es mit einem einzigen Wort. Prüfungszeit.

Für die meisten Leute, ob retropesktivischer Alptraum oder brutale Gegenwart, schlimmer als Jack the Ripper und Jason als Überraschungsgäste auf der eigenen Geburtstagsfeier.
Prüfungszeit, daß heißt durchwachte Nächte, nervöses Gebibbere während die Zettel ausgeteilt werden, leere Patronenhülsen in den wichtigsten Momenten.
Etwa zwei Drittel aller neurotischen Magenbeschwerden sind direkt auf eine Prüfungsperiode zurückzuführen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Wo nun ist die Verbindung zwischen meinem allen Prinzipien der gesunder Ernährung spottenden Einkauf und der drohenden Prüfungsphase?
Ernährungsforscher haben herausgefunden, daß unter Druck entweder extrem wenig oder extrem viel verzehrt wird.
Das Wort Ernähren ist in diesem Zusammenhang übrigens eher irreführend, da weder in den ersten noch in dem zweiten Fall wirklich von Ernährung gesprochen werden kann. Ißt man aufgrund nervöser Magenzuckungen gar nicht mehr, wird nicht ernährt. Stopft man sich allerdings mit Kalorienbomben voll, kann man eher von Mästung als von Nahrungsaufnahme sprechen.

Ich persönlich tendiere zu der Schokoladenalternative. Überhaupt ist es ja im allgemeinen so, daß mehr Energie verbrannt wird, wenn der Geist aktiv ist, als wenn er passiv auf der innerlichen Couch liegt und Chips futtert.
Das Chips futtern übernehme ich, da mein Geist ja eindeutig zu beschäftigt ist, um selbst für Energiezufuhr zu sorgen. Und Energie braucht man, sonst wird man müde und abgeschlafft und die kleinen roten Pfeile werden blau.
In solch gravierenden Fällen stopft man sich am besten mit Dextroenergen voll. Oder mit Schokolade. So wie ich.
Und dann muß man sich auch gar nicht schämen, wenn man von Kassiererinnen befremdlich angeschaut wird. Das ist nämlich eigentlich gar kein befremdlicher Blick, sondern ein demütiger. Weil die nämlich wissen, daß ausschließlich Genies Chips, Schokolade und Fertignudelsaucen als Nahrungsgrundlage wählen. Bin ich froh, daß ich kein Knäckebrot eingepackt habe.

Hochschulblatt der FH Stendal, 1999

Das Geld-kein-Geld-Problem oder Hotel Mama

sparrow | 14. Februar 1999, 22:56 | Kolumnen | [0] Kommentare



Studenten haben generell zu wenig Geld. Dies ist ein Fakt. Studenten hätten gern mehr Geld. Auch das ist bekannt.
Hier findet sich ein elementarer Interessenkonflikt. Unerfüllte Bedürfnisse wabbern rund um die Hochschule ohne jemals mit echter Kaufkraft ausgestattet zu sein. Die Armanispitzenunterwäsche, die Freizeityacht, die Eigentumswohnung, das Handy.
Man nenne, was man will überall stößt man auf den schnöden Mammon. Schnöde hauptsächlich deshalb, weil fehlend. Reiche Leute benutzen den Begriff "schnöder Mammon" so gut wie nie. Das tun nur Arme, die ihre Verachtung für die Konsumwut der Begüterten ausdrücken wollen, die sie so gern teilen würden.

Das aber nur am Rande.
Schon der Einkauf eines simplen Gebrauchtwagen wird zum finanziellen Fiasko - wenn er denn überhaupt stattfindet und nicht im geistigen Nirwana eines ewigen Fußgängers verschwindet.
Besonders am Ende des Monats nähert sich die Kaufkraft rapide dem Werte null. Die Taschen sind leer, der Kühlschrank ist es auch.

Wie schön war doch ehedem die Zeit, als Hotel Mama einen mit allen lebenswichtigen Vitaminen versorgte. Nett angerichtet und mit Petersiliensträußchen verziert. Pünktlich zum ersten Magengrummeln kam prompt der Nahrungsschub.
Schlaraffenland quasi, wenn auch die gebratenen Tauben nicht durch die Luft flogen und keine Schokoladenbäume direkt vor dem Bett ihre schwerbeladenen Äste ausstreckten. Fürsorge und Ernährung waren gesichert.
Die mannigfachen Übel, die mit dem Hotel Mama einher gingen, schienen damals unerträglich. Das morgendliche schlechte Gewissen, weil man gerade erst heimgekommen war, das Vorbeischleichen an der elterlichen Schlafzimmertür, die diversen Diskussionen über den Sinn und Zweck eines aufgeräumten Zimmers. Bespiele gibt es zuhauf.

Heute jedoch scheinen diese ständigen Gründe für Missstimmung nichtig und sekundär zu sein. Höchste Priorität hat allein die Füllmenge des eigenen Magens - und diese ist mehr als kümmerlich. Kurz nachgedacht und Entscheidung gefasst. Weg mit der Eigenständigkeit und her mit den geregelten Mahlzeiten.

Aber halt: der sichere Hafen, als welchen man den heimatlichen Haushalt wähnte, hatte ja als Anlegestelle bereits gekündigt.
Kaum zu fassen. Anstatt den schmerzlichen Verlust gebührend zu würdigen, konnten die Eltern es kaum abwarten, die Tür hinter dem zukünftigen Selbstversorger zu schließen. Der Spross zieht in die Welt hinaus, um selbige zu erobern und die Hinterbliebenen schmeißen eine "Endlich-Issa-Wech" - Party.
Ein Trauerjahr wäre doch nicht zuviel verlangt gewesen, oder? Nein! Das ehemalige Refugium aus Kinderzeiten wird gnadenlos niedergemetzelt. Tapete mit niedlichen Regenbogen runter von der Wand, klassisches Muster rauf. IKEA-Jugendzimmereinrichtung raus, Klavier rein. Fertig ist das Musikzimmer.
Wenn Eltern anfangen zu renovieren, ist Obacht geboten. Dann rechnen sie nicht mit baldiger Rückkehr und hoffen vermutlich auch, dass der Nachkomme in absehbarer Zeit fähig ist, sich selbst zu versorgen.
Was im Klartext bedeutet: Keine Finanzspritzen mehr aus heimischen Gefilden.
Was weiterhin bedeutet, dass anfangs erwähnte Wünsche in noch weitere Ferne rücken.

Da hilft nur eins - abgemagert und mit tiefen Augenringen zu Hause auftauchen.
Das sollte den Effekt haben, dass das von Mutter/Vatergefühlen überwältigte Elternpaar, Nahrung heranschafft und mit einem Scheck alle Probleme aus der Welt schafft. Wunderbar. Die Welt ist gerettet und das Versorgungsproblem fürs erste gelöst.

Ich sollte mal wieder nach Hause fahren.

Hochschulblatt der FH Stendal

Der gefallene Engel

sparrow | 21. Januar 1999, 19:44 | Kolumnen | [2] Kommentare



Die verlorene Gestalt stand einfach da. Ein müdes Straßenlaternenlicht beleuchtete die düstere Straße, machte die Dunkelheit noch dunkler.
Die Gestalt stand und betrachtete erstaunt ihre wunden Füße. Unter den Füßen zogen sich die unbarmherzigen weißen Mittelstreifen dahin, jene Streifen, die sie bis hierher getrieben hatten. Um das Wesen ließ sich ein Hauch von vergangenem Glanz erahnen.
Jetzt hing das Haar strähnig ins Gesicht und die zerrissenen Kleider waren schon lange nicht mehr strahlenden weiß.

Lange war sie gelaufen, diese befremdliche Person. Völlig erschöpft und dem Ziel noch genauso fern, wie zu Beginn ihrer Reise.
Still und leise begann sie wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer genau auf das Weiß der Straßenmarkierung. Den dunklen Asphalt mied sie sorgfältig.
Sie wußte nicht, sondern ahnte instinktiv. Wußte nicht, woher sie kam und wer sie war. Wußte nicht, wohin sie wollte. Aber sie wußte, daß sie früher oder später dort ankommen würde.
Sie wanderte sie bedächtig und lautlos, den Kopf nach unten geneigt. Der harte Weg watteweich unter ihren nackten Zehen. Kein spitzes Steinchen schmerzte. Ein dichter Schutzwall aus klebriger Schwäche erstickte jegliches Gefühl. Die Nervenimpulse versickerten haltlos.

Plötzlich hob sie den Kopf. Die Augen flackerten in tiefen Höhlen.
Ein Standbild aus Granit schaute zurück. Sanft strahlte es in der Düsternacht. Die steinernen Haare waren erstarrt in dem imaginären Windhauch, den nur der Künstler sah. Frei flatterten sie in Unbeweglichkeit. Der Mund war geöffnet, ein Lachen kräuselte sich an den Mundwinkeln. Lautlos perlte es zum Himmel hinauf.
Den Kopf in den Nacken gelegt betrachtete das Geschöpf die Skulptur, deren Züge so sanft schienen, als wäre es Samt und kein Stein.
Erinnerungsschwaden wabberten zwischen den Schemen. Sehnsucht stieg auf, fast greifbar materialisiert. Weit geöffnet waren die Arme der Statue, als lüde sie die ganze Welt ein, an der eigenen Freude teil zu haben. Die Gestalt schmiegte sich hinein.
Und endlich, endlich begann der Regen zu fallen.

Weihnachtstraditionen

sparrow | 30. November 1998, 20:25 | Kolumnen | [0] Kommentare



Kerze
Am Vorabend des 22. Dezembers zog ich ein Resümee.
Alle Weihnachtskarten waren verschickt. Die Gans ruhte schnuckelig in ihrem Tiefkühltruhennest. Der Baum harrte auf der Veranda dem Lamettagroßangriff. Meine Geschenkeliste sah folgendermaßen aus:


  • Mutter (Vase) erledigt

  • Vater (Krawatte) erledigt

  • Tante Tilli (Porzellanengel) erledigt

  • Onkel Herbert (Socken) erledigt

  • Franz (???)



Franz war ein Problem.

Ich persönlich liebe Weihnachten. Schon ab dem 15. November singe ich unter der Dusche Weihnachtslieder. Ich kann alle Strophen von "Ihr Kinderlein kommet" auswendig, inklusive der, von der Konfirmandengruppe gedichteten. Weihnachtsmänner in Schaufensterauslagen betrachte ich mit adventlichem Wohlwollen. Es gibt nicht schöneres für mich, als mich mit schenkwütigen Menschenmassen durch goldglänzende Einkaufshäuser zu drängen und dabei kitschige amerikanische Weihnachtslieder zu summen.
Und wenn dann mein tränenverschmiertes Gesicht am Heiligabend in der Christvesper kerzenerleuchtet den Worten des Verkündigungsengels lauscht, dann, ja dann bin ich glücklich.
"Sehet Euch ist ein Kind geboren," sagt er, während die Hirten anbetend ihre Knie beugen und ich in mein Taschentuch schluchze.
"Freuheue, freue Dich, oh Menschenheit," singe ich inbrünstig und freuheue mich von ganzem Herzen.

Nicht so Franz. Franz findet rosige Engelpopos abstoßend. Die Gans liegt ihm zu schwer im Magen.
Freue ich mich über die festliche Dekoration, mault er über den christlichen Kommerz. Wenn die Blockflöte und ich "Heidschi Bum Beidschi" trällern, hält er sich die Ohren zu.
Er zitiert Spiegelartikel über den Niedergang der deutschen Nadelhölzer beim Anblick eines Weihnachtsbaumes. Zimtsterne mag er schon gar nicht und von Lebkuchenhäusern bekommt er Sodbrennen.
Kurz, Franz ist ein Weihnachtsmuffel. Weiter lesen...

Jay

sparrow | 21. Oktober 1998, 20:28 | Kolumnen | [0] Kommentare



Ein Gott bei McDonalds Wir lieben McDonalds. McDonalds ist Kult. Das Ambiente ist (fast) gut, das Essen (meistens) warm und danach ist man pappsatt. Außerdem - und das ist wohl der Hauptgrund, warum wir dort regelmäßig speisen - ist es billig.

Wenn wir bei McDonalds essen, nehme ich immer einen BigMac. Er ißt einen McChicken, zwei Cheeseburger und den Rest von meinem BigMac, den ich selten ganz schaffe.
Zusätzlich bestellen wir ein Menü und teilen uns die Pommes Frites und das Getränk. Meistens Fanta. Er mag keine Cola.
Wir stellen uns abwechselnd in die Schlange, während der andere zwei Plätze an einem Plastiktisch okkupiert.

Heute bin ich an der Reihe, das Essen zu holen. Mit einem vollgestellten Tablett wusele ich durch die Menschenmenge, die sich um die Mittagszeit hier einfindet.
Irgendwann einmal werde ich eine Persönlichkeitstudie von den verschiedenen McDee-Frequentierern erstellen.. Einträchtig stehen Wall-Street-Yuppies neben Straßenpennern, Mütter mit schreienden Kindern neben aufgestylten Girlies.

Geschickt balanciere ich meine Pappe - Plastik - Fracht zwischen ihnen hindurch. Suche ihn mit den Augen. Wo sitzen wir heute? Ah da.

Er unterhält sich angeregt mit seinem Nachbarn. Und was für ein Nachbar. Ich ziehe beide Augenbrauen hoch und beglückwünsche ihn gedanklich zu seiner Platzwahl.
Was ich da sehe, gehört zu der Spezies Mann, von dem man ein Photo in seinem Portemonnaie rumträgt, um zu protzen. Blondes Haar, Dunkelblaue Augen, fein geschnittenes Gesicht, markantes Kinn.. und die Nase erst...

Bevor ich anfange zu sabbern, lasse ich mein Tablett auf den Tisch plumpsen und stelle mich vor. Jay heißt dieses Geschenk Gottes an die Frauen.
Er lächelt mich an und ich lächle geistesabwesend zurück, während ich seine ebenmäßigen Zähne bewundere. Und ein Lächeln hat der Mensch.
Ich schmelze zart dahin, wie Butter in der Morgensonne.

Jay erzählt. Mein Begleiter erzählt. Ich lächle stupide und bestaune seinen charmanten kleinen Silberblick.
Jay ist Künstler, erfahren wir. Schauspieler um genau zu sein. Ich erstarre in Ehrfurcht. Ein echter Schauspieler. Noch dazu am Broadway.
Jay wiegelt ab. Er wäre ja erst drei Monate in New York. Hätte durch Zufall und Glück die Rolle gekriegt.

Bescheiden ist er auch noch. Ich nicke verständnisinnig und formuliere im Geiste einen Telegrammtext für meine Mama:
Werde heiraten +++stop+++ Heißt Jay +++stop+++ Hat wunderschöne Nase +++stop+++ bitte schick mir mehr Geld +++stop+++Alles Liebe+++stop+++ Rebekka

Mein Begleiter schielt mich schräg von der Seite an. Ich weiß, was er mir sagen will.
Sammel Deine Kinnlade vom Boden auf und tu wenigstens so, als wärst Du fähig einen intelligenten Satz zu artikulieren.

Ich konzentriere mich also weiter auf die Geschichte von Jay's Karriere.
Gleich, so hören wir, gleich hat er seine erste Probe. Spielt die Hauptrolle in einem neuen Musical. Schrecklich aufgeregt ist er. Aufgeregt! Wie niedlich. Wie sympathisch. Wie menschlich.
Da sieht jemand aus, wie Adonis und ist aufgeregt. Ich seufze tief und voll Mitgefühl.

Er schiebt sich während dessen den letzten Bissen in den Mund. Er muß los. Am Broadway herrschen strenge Gesetze. Keine Minute darf man zu spät kommen.

Bevor er verschwindet lege ich ihm noch meinen Block unter. Bitte um ein Autogramm. Er lacht und fühlt sich geehrt. Sein erstes Autogramm.
Das wird mal Millionen wert sein, davon bin ich überzeugt. Wünsche ihm viel Glück, bevor er verschwindet.

Ich hoffe, er wechselt bald zum Filmfach. Damit ich ihn und seine Nase auf der Leinwand bewundern kann. Aufseufzend stütze ich meinen Kopf in beide Hände. Bewundere seine klare Schrift auf meinem Zettelchen. Herzensblut auf weißem Papier.

"Ißt Du Deinen BigMac noch?" Ich geb ihn rüber. Mein Appetit für heute ist gestillt.

New York, 1997

Mär von der unerfüllten Liebe eines Kaktusses zu einem Gänseblümchen

sparrow | 21. Oktober 1998, 19:30 | Kolumnen | [0] Kommentare



Eine Stichwortgeschichte
- Kaktus auf Fensterbrett, verliebt sich in Gänseblümchen
- betrachtet Gänseblümchen den ganzen Tag
- Gänseblümchen hört und sieht nichts, weil verliebt in die Eiche
- Eiche ist groß, stark und indifferent
- Eiche bemerkt Gänseblümchen nicht
- Kaktus versucht, Aufmerksamkeit des Gänseblümchens zu erlangen
- Gänseblümchen versucht, Aufmerksamkeit der Eiche zu erlangen
- Eiche ist groß, stark und indifferent
- Kaktus will Gänseblümchen seine Liebe gestehen
- Gänseblümchen reckt sich, um der Eiche nahe zu sein
- Eiche ist groß, stark und indifferent
- Kaktus lehnt sich aus dem Fenster
- ruft dem Gänseblümchen seine Gefühle zu
- Gänseblümchen hört und sieht nichts, weil verliebt in die Eiche
- Eiche ist groß, stark und indifferent
- Kaktus lehnt sich weiter aus dem Fenster
- ist verzweifelt
- verliert das Gleichgewicht und stürzt zu Boden
- auf das Gänseblümchen
- bevor er stirbt, flüstert er
- "Ich hab dich lieb"
- das Gänseblümchen seufzt das letzte mal, mit dem Gefühl geliebt zu werden
- Eiche ist groß, stark und indifferent

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