Baum

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sparrow | 20. Juli 2006, 18:52 | ganz alter Kram | [1] Kommentare



Ich habe gerade den letzten der alten Einträge aus dem Juli 2001 hochgeladen. Zwischen diesem Zeitpunkt und jetzt liegen:


  • Fünf Geburtstage

  • Insgesamt vier Umzüge - von Stendal nach Löhne, von Löhne nach Herford, von Herford nach Unterhaching, von Unterhaching nach München

  • Das Ende einer Liebe und der Beginn einer neuen

  • Ein Studiumsabruch

  • Eine Ausbildung

  • Ein Arbeitsplatzwechsel

  • Eine ziemlich kräftige Bauchlandung

  • Ein langsamer und beschwerlicher Wiederaufbau



Ich habe mir sämtliche Redigierungen verkniffen, obwohl es mir speziell in den Jahren 1998 bis 2000 arg in den Fingern gejuckt hat. Jedes "Höhö" und die wie mit dem Salzstreuer verteilten Smileys sind original. Auch die im Comicstil gehaltenen, in Sternchen eingerahmten Aktionsbeschreibungen sind noch vorhanden. *allesbehaltenhab*

Das fand ich verdammt cool damals. Wenn ich damit durchgekommen bin, habe ich sogar meine handschriftlichen Briefe damit verziert.
Es beruhigt mich, dass zumindest Klausuren und auch die Kolumnen Smiley-frei sind.
Mein jetziges Ich möchte jedoch dem dummen Huhn von damals raten, mal drei Gänge zurück zu schalten.

Ab Ende 1999 und 2000 sehe ich die Risse in der Wand ständig breiter werden. Das ist wie, wenn man einen Film sieht von dem man das Ende kennt und trotzdem zusammenzuckt, wenn die Heldin etwas tut, was unweigerlich zur Katastrophe führt. "Halt, nicht die Treppe rauf, ja bist Du den blöd! Geh lieber nach draußen, da bist Du sicher." Aber nein, das nur unwesentlich schlauere Huhn haut nicht ab, solange noch Zeit ist, sondern legt sich sauber auf die Nase.
Ich würde sagen, über 60% der Einträge wurden spät in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden geschrieben.
Heute weiß ich, dass Schlaflosigkeit nicht nur Symptom, sondern auch Verstärker einer Depression ist. Scheißkombo, aber wirklich.

Ob ich aber zu dem Zeitpunkt etwas hätte anders machen können, weiß ich nicht. Eigentlich ist es aber auch egal. Die Zeit gehört zu mir und hat mich sicherlich auch geprägt. Ich bin sehr viel nachgiebiger in vielen Dingen, weil ich weiß, wie einfach es ist zu versagen. In anderen Dingen bin ich allerdings unerbittlich. Ich gebe mich nicht mehr ab, mit Leuten die mir nicht guttun. Auch Lästernasen, Verräter und Dolchstoßer kommen im meiner näheren Umgebung nicht vor. Ich breche knallhart Freunschaften, wenn es sein muss.
Die Kollateralschäden dieser Lernphase sind natürlich auch da: Sindy und Dörte zum Beispiel, die ich beide sehr lieb gehabt habe, hatten irgendwann die Schnauze voll oder haben aufgegeben. Man kann ja auch nicht ständig jemandem hinterlaufen, der sich grad im Schlamm seiner Seele suhlt.

Ich bin jetzt zwar nicht immer glücklich, aber zufrieden. Und das ist meiner Meinung viel mehr Wert.

Kassensturz

sparrow | 12. Juli 2001, 18:51 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Nach einem Absturz ändert sich alles, denke ich. Alles kostet so viel.
Natürlich kostet alles, aber früher habe ich nach dem Kreditkartenprinzip gelebt: "Buy now, pay later". Sehr viel later. Jetzt bezahle ich in Cash.
Ein geregelter Tagesablauf - eigentlich das Normalste der Welt, sollte man meinen - kostet mich so unendlich viel Kraft. Es kostet, morgens aufzustehen, normal zu essen. Es kostet, mich nicht von Cola, Milky Ways, kalter Pizza und Zigaretten zu ernähren. Es kostet, nicht erst um 17.00 h aufzustehen und die gesamte Nacht Solitär zu spielen.
Das letzte Jahr hat mich nicht nur viel Tränen und Kraft gekostet, sondern auch fast alle meine Freunde. Der klägliche Rest, der übrig blieb, hat es nicht einfach mit mir. Ich bin launisch, unzuverlässig und dünnhäutig.
Ein falscher Blick zur falschen Zeit und ich renne flennend davon und drehe den Schlüssel um oder lege den Telefonhörer auf.
Ich habe Angst vor Leuten und eine ausgewachsene Paranoia. Alle, alle reden sie über mich - schlecht natürlich. Und keiner mag mich.
Eine unschuldige Frage nach meinem Wohlergehen interpretiere ich als Spionieren, Auskundschaften von weiteren Details, über die man sich dann das Maul zerreißen kann.

Ich habe eine Liste mit Erfolgen gemacht. Aus dem Haus gegangen: Erfolg. Kassiererin angelächelt: noch ein Erfolg. Mit Dörte getroffen: Großer Erfolg. Es geht langsam.

Nach Hause?

sparrow | 17. Oktober 2000, 18:49 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Mama sagt, ich sollte nach Hause kommen. Wohnung in Hamburg auflösen und nach Hause kommen. Bis März bin ich noch vom Studium beurlaubt. Sie meint, dass wäre jetzt die beste Gelegenheit, um eine Therapie anzufangen, um meine Traurigkeit und meine Angstzustände in den Griff zu kriegen.
Ich bin unschlüssig. Auf der einen Seite ist es ein unglaublich angenehmer Gedanke, einfach alles hinter sich zu lassen und den Kopf in einen mütterlichen Schoß zu legen. Sich um nichts mehr Gedanken mehr machen zu müssen. Einfach eine Runde Ruhe haben. Ruhe, ah..

Die letzten vier Wochen habe ich Ruhe gehabt. Ich habe mich in Mathes Arme gekuschelt und vor der Welt versteckt. Handy abgestellt und keine E-mails mehr gelesen.
Wenn ich Lust hatte, mit Hedda gefrühstückt, wenn ich keine Lust hatte, dann halt nicht. Kein Zwang, keine Verantwortung, dafür viel Liebe. Paradiesisch. Ha! Viel zu paradiesisch. Paradiese haben nämlich den Nachteil, dass man irgendwann unsanft hinaus gekickt wird. So auch mir. Ich habe den Moment an dem ich mein warmes kuscheliges Nest verlassen musste so lange wie möglich hinaus gezögert und dafür bezahlt mit Schweißausbrüchen, Herzrasen und Bauchschmerzen. Angst ist ein unangenehmer Bettgeselle.

Jetzt habe ich die Wahl: Wieder ins traute Heim, vielleicht endlich meine Probleme dauerhaft in den Griff kriegen, oder aber hier bleiben. Vielleicht noch ein paar Kontakte knüpfen. Sachen lernen, die wirklich relevant sind und unabhängig sein. Irgendwann wird diese Phase vorbei gehen, dass weiß ich. Dafür habe ich diese "Durchhänger" schon zu oft gehabt. Aber wann wird der nächste Schub kommen? Wie lange wird er dauern? Wo lauert die nächste Fußangel, über die ich unweigerlich stolpere, um dann wochenlang im Staub zu hocken und zu heulen?

Lachen, hast Du mir gesagt
Du musst lachen
Komm steh wieder auf
Vergiss die Welt und lass die Augen zu
Meine Hand ist bei Dir

Seelenschmerzen

sparrow | 24. Juli 2000, 18:49 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Montag ist es und der 24. Juli. Der letzte Eintrag liegt fast zwei Monate zurück. Ich erwache langsam wieder aus meiner Starre.
Die letzten Wochen waren der absolute Horror. Selbstgemachter Horror. In eigenproduziertem Psychoterror schmoren gehört wohl zu den Hobbys dieser verdammten Gesellschaft. Ich schließe mich nicht aus. Eher schließe ich mich an.

Was soll ich groß erzählen? Panikattacken, Bauchschmerzen, Schweißausbrüche bei bestimmten Schlüsselreizen. Und immer wieder nächtliche Telefonate, bei denen ich schluchzend am einen Ende hing, während jemand am anderen Ende beruhigend murmelte.
Ab und an warf man mir vor, daß ich mich nur meldete, wenn es mir schlecht ginge. Falsch. Ich meldete mich, wenn es mir so schlecht ging, daß ich nicht weiter konnte. Und dann auch nur bei den Leuten, vor denen ich am wenigsten Angst hatte.

Langsam geht es wieder aufwärts. Und ich genieße jede Sekunde, in der ich glücklich bin - teilweise aufgedreht, weil ich gar nicht fassen kann, gar nicht mehr wußte, wie wunderschön es ist, glücklich zu sein. Und zu leben. Und zu tanzen. Den Mund weit zu öffnen, den Kopf in den Nacken zu legen und zu lachen.

Was bleibt, ist das Problem mit den dezimierten sozialen Kontakten.
Subtrahiert man die Leute, die ich in der U-Bahn treffe, die Leute, die mir im Büro gegenüber sitzen, die Leute, die ich übers Internet treffe und meine Familie, bleiben nicht viele, mit denen ich in den letzten Wochen sprach. Die ich nicht gleich wieder abwimmelte.
Jetzt stehe ich hier und betrachte betroffen, meinen mageren Freundeskreis. Ich weiß, er wird noch weiter hungern, wenn ich mich nicht endlich aufraffe und anrufe. Was nur, soll ich sagen?
"Hi, sorry, daß ich mich so lange nicht gemeldet habe, aber ich hatte Angst vor Dir. Ach ja, und alles Gute zum Geburtstag nachträglich." Oder auch "Uhm, ja, hi. Lange nicht gehört. Wie lange bist Du jetzt schon wieder in Deutschland? Zwei Monate? Willkommen daheim!"
Es ist blöd und verfahren. Ich wäre stinksauer, wenn ich nicht ich selber wäre und somit ständig mit mir in Kontakt stünde. Will sagen: mit mir dürfte keiner so was machen.

Was soll das Lamentieren. Im Grunde hilft ja doch nur eins: Endlich die Initiative ergreifen.
Hm. Vielleicht morgen.

Badewannenetiquette

sparrow | 29. Mai 2000, 18:44 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Manche Dinge ändern sich nicht. Zufrieden streiche ich über das vergessene Handtuch in meinem Badezimmer und drücke meine Nase hinein.
Oh, was war das für ein herrliches Wochenende. Ein typisches Rebekka-Mathias-Wochenende mit Cola, Süßigkeiten, Pizza, Computer, vielen Zärtlichkeiten und einer zünftigen Wasserschlacht. Bezüglich der Frage: "Wie setze ich mein Badezimmer möglichst gründlich unter Wasser" wende man sich vertrauensvoll an uns. Wir sind wahre Experten. Hier eine kurze Anleitung in sieben Schritten:


  1. Man suche sich einen charmanten Badepartner.

  2. Man kippe eine halbe Flasche Badezusatz in eine Badewanne.

  3. Man lasse ordentlich warmes Wasser drauflaufen.

  4. Man erzeuge Schaumberge durch heftiges Hin-und-Herbewegen der Wassermassen

  5. Man falte sich und Badepartner in der Wanne zusammen.

  6. Man kröne sein Haupt durch ein Schaum-Chapeau

  7. Man warte einen günstigen Augenblick ab, um den Kaltwasserhahn aufzudrehen und den Badepartner ordentlich abzubrausen.



Das sollte langen.

Barbarentum

sparrow | 25. Mai 2000, 18:43 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Beerdigungen finde ich barbarisch. Wenn der Sarg in die Erde hinab gelassen wird, möchte ich schreien und schreien und schreien und nie wieder aufhören. Es kostet mich Mühe, mir klar zu machen, daß es nur ein lebloser Körper ist, der da der Verwesung preisgegeben wird und nicht der Mensch, der mich gehalten und mit mir gesungen hat.
Mir wird schlecht von dem Geruch der Rosen und Lilien. Mochte sie überhaupt Rosen? Und Lilien? Sie mochte Lieder. Am Samstag haben wir gesungen für sie, alle Lieder, die sie uns beibrachte. DAS ist eine schöne Art, jemanden zu verabschieden. Beerdigungen sind es nicht.
Ich werd Dich nicht vergessen, Oma.

Ich hab wenig geschrieben in letzter Zeit. Wenig Diary und auch sonst wenig. Ich mochte nicht schreiben. Es passierte ja nichts. Ich bin von neun bis neun im Büro. Das ist nicht erzählenswert. Meine Seele offenlegen mochte ich auch nicht. Die war nämlich in den letzten paar Wochen äußerst zart besaitet und vertrug keine öffentliche zur Schau Stellung.
Jetzt denke, geht es langsam wieder besser. Ich rufe nicht mehr jede Nacht heulend bei irgendwelchen Leuten an. Ich fühle mich nicht mehr völlig uneins mit meinen Talenten und meinem Ehrgeiz. Irgendwie fügt man sich halt.
Vermutlich gibt es Leute, denen es sehr viel schlechter geht. Mit Sicherheit gibt es die.

Ich vermisse realen, intensiven Austausch mit Menschen, die mir wichtig sind. Ich vermisse meine Sindyline. Ich vermisse auf keinen Fall Stendal. Der Gedanke, in dieses Provinzkaff zurück zu müssen, macht mich krank. Ich will da nicht mehr hin. Ich will diese Kleinstädter nicht mehr sehen, die es als Höhepunkt ihrer Karriere betrachten, wenn Papa ihnen einen Job hinterm Schreibtisch besorgt. (Gibt übrigens auch Kleinstädter in der Großstadt, keine Frage) Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht.
Zum Glück ist es ja nicht mehr für lange. Das ist der einzige Trost.

Hamburger Damen

sparrow | 03. Mai 2000, 18:41 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Heute abend an der Ampel: Drei alte Damen in feinen beigen, aprikot und hellgrauen Kostümchen. Die eine: "Ich habe schlecht gesessen." Darauf strich sich die zweite über den Popo und sagte: "Ich auch". Die dritte mit stolzgeschwängerter Stimme: "Ich nicht."
Während ich noch krampfhaft überlegte, was wohl "schlecht gesessen" heißen möge, fügte sie hinzu: "Bei mir wird nie was kraus."
Ah.. Es ging um Knitterfalten in den Jacken der feinen Kostümchen. Weil die Ampel recht lange rot blieb, hatte Dame Nr.3 hinreichend Zeit, über richtiges und falsches Sitzen zu philosophieren und dann auch abschließend vorzuführen, wie man es ordentlich machte. Das war der Moment, wo ich einen Seitenblick riskierte. Die Dame hing mit ausgestrecktem Hintern da, wie ein Anfänger auf Skiern, hielt mit beiden Händen die Jacke eng an die Oberschenkel gepreßt und strahlte mich aus tausend kleinen Lachfältchen an. Ich strahlte zurück.

Das gehört mit zu den Sachen, die ich an Hamburg sehr mag. Über die Leute, die ich abends auf meinem Weg nach Hause treffe, könnte ich ganze Bücher schreiben.
Apropos: Zuhause.. wo ist das eigentlich? Wenn ich über längere Zeit "nach Hause fahre" meine ich immer Unna. Wenn ich von Unna aus nach Stendal fahre, sage ich auch, daß ich "nach Hause fahre". Und wenn ich abends mit der U-Bahn fahre und an der Habichtstraße aussteige, dann komme ich auch nach Hause.
Bin ich jetzt gesegnet oder wurzellos? Solange der Fliederbaum vor meinem Fenster so zauberhaft duftet, ist mir das gleich.

Freitag war spaßig. Daniela hatte mich eingeladen, mit ihr und ihren Freunden zu grillen.
Ich mag Daniela. Manche Leute mit Sicherheit nicht. Großstadtzicke, könnte man sagen. Oder Schickimickitussi. Daniela hat nämlich diverse gravierende Fehler. Erstens ist sie ausgesprochen attraktiv. Sie pflegt sich und zieht sich mit Genuß gut an. Zweitens ist sie intelligent. Drittens weiß sie, was sie will und nimmt kein Blatt vor den Mund. Viertens ist sie kreativ, witzig und gebildet. Und dann ist sie auch noch NETT. Wo käme man denn dahin, wenn alle so wären?
Welch ein Glück, daß mich "Leute" schon seit längerer Zeit nicht interessieren. Ich mag Menschen, aber "Leute" finde ich abstoßend. Der Reim auf "Meute" ist mit Sicherheit kein Zufall.

Gerade habe ich Rabea am Telefon. Sie wollte wissen, wie man Attachments verschickt und sprach immer sehr energisch von Tonline. Ich brauchte eine Weile, bis ich das mit einem hysterischen Kicheranfall quittierte.
Momentan singe ich aber "Ihre Verbindung wird gehalten..Ihre Verbindung...". Manchmal bin ich sehr glücklich, daß ich kein ISDN habe. Wenn bei mir drei Stunden lang besetzt ist, dann ist halt drei Stunden besetzt.
Rabea feuert derweil den PC an, der abstürzte und jetzt einen Scandisk durchführt... Ihre Dialoge mit dem Computer sind wirklich absolut hörspielreif. Ich möchte immer mitschreiben.
Da fällt mir noch folgende wunderbare Begebenheit aus dem Skiurlaub ein, dem ich ja nicht beiwohnen konnte.
Monopoly. Rabea dreht aus Versehen ihre Straßenkarten um. Der kleine Wicht, mit dem sie spielten: "Boah, Rabea. Hast Du schon Hypothesen?"
Anna, sich vor Lachen windend: "Oh.. weißt Du nicht, was Hypothesen sind? Hypothesen sind, wenn man kein Bein mehr hat."
Soviel zum Thema ChaosAnna und die Vorzüge einer gymniasalen Schulbildung.
Ich kann mich eine gewissen Schadenfreude nicht verwehrend. Unneraner wissen warum. :o)

Was tut man in Hamburg?

sparrow | 21. April 2000, 22:37 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Gott, ist dieses Wetter nicht wundervoll? Ich habe die Fenster weitaufgerissen und mich in ein T-Shirt geworfen, das Radio laut aufgedreht und genieße das Sommerfeeling.
Mathias ist gerade unter der Dusche, wir werden gleich aufbrechen, um Ostern im trauten Rüterschen Familienkreis zu verbringen.
Gestern war ein Tag, den man am besten ganz schnell wieder vergißt. Es macht keinen Spaß, zu arbeiten, wenn eine unterschwellige Aggressivität in der Luft liegt und jede Sekunde ein Pulverfaß explodieren könnte. Da es allerdings in drei Wochen das erste Mal war, daß eine unzufriedene Stimmung herrschte, werde ich keine Probleme haben, zu vergessen.

Interessiert es eigentlich jemanden, was ich gerade tue? Ich bin hier. In Hamburg. Jeden Morgen fahre ich mit der U-Bahn von der Habichtstraße zur Mundsburg und wundere mich jeden Morgen aufs Neue über die muffeligen und ungnädigen Gesichter meiner Mitfahrer. Abends fahre ich wieder zurück. Dann wundere ich mich nicht, weil ich zu müde bin, um mich zu wundern.
Ich habe ein süßes kleines Zimmer in einer süßen kleinen Wohnung in Barmbek, mit einer Mitbewohnerin, die bestimmt auch süß wäre, wenn ich sie mal sehen würde. Unsere Kontakte beschränken sich auf kurze Gespräche abends und ein Tschühüß morgens - falls wir uns nicht verpassen. Sie gehört zu den Leuten, die morgens aus dem Bett fallen und mit einem kleinen Umweg über das Bad aus der Tür hetzen.
Ich gehöre zu den Leuten, die abends gegen zehn nach Hause kommen und sich dann unkommunikativ vor den Rechner setzen. Unsere möglichen Treffpunkte sind also begrenzt. Wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht, denn der Raum für Konflikte ist relativ gering, wenn man sich nur vereinzelt zu Gesicht bekommt.

Mathias ist gerade duftend und mit nassen Haaren hereingestürmt. Er hat mein Deo geklaut, ich rieche es bis hier. In Stendal hat er ja immer ein kleines Notfallarsenal an Zahnbürsten, Zahnpasta, Rasierer und Deo, für den Fall, daß er mal unbedingt bei mir übernachten muß. Hier muß er auf meinen Kram ausweichen.
Er drängelt. Ich soll endlich auch unter die Dusche hüpfen und dann endlich meine Sachen packen. Na gut. Ich geh ja schon. Nur keine Hektik.

Ein wunderschönes Osterfest wünsche ich Euch allen.

Hallo Hamburg

sparrow | 18. April 2000, 22:36 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Der Frühling zieht ein. An der Alster blühen die Narzissen, ich weiß es genau, denn ich fahre jeden Morgen mit der U-Bahn daran vorbei. Ansonsten passiert nicht viel. Oder eigentlich zu viel, um es alles auf einmal zu erzählen.
Ich bin glücklich. "Hallo" sagte die freie Wirtschaft und begrüßte mich spontan mit einem 12-Stunden-Arbeitstag. Das Lustige ist, daß es mir nichts mehr ausmacht.
In der ersten Woche bin ich tagtäglich völlig fertig von der U-Bahn ins Bett gefallen, aber jetzt könnte ich ewig so weiter machen. Es macht Spaß. Riesigen Spaß.
Schon jetzt wird mir leicht mulmig, wenn ich daran denke, daß in einem halben Jahr der FH-Alltag mich wieder hat. Ich mag hier nicht weg.
Jetzt aber ruft mein Bett.

Oma Helmi

sparrow | 30. März 2000, 22:36 | ganz alter Kram | [0] Kommentare



Meine Großmutter ist 84. Weiterhin fallen mir nur Floskeln ein, wie "sie hat ihr Leben lang gearbeitet", was mit Sicherheit stimmt, denn die Familie war arm und da waren vier Kindermünder, die gestopft werden wollten.
Mit über sechzig hat sie noch einen Schulterstand zwischen zwei Stühlen vorgeführt. Daran kann ich mich aber nur noch aus Erzählungen erinnern. Ich weiß aber noch genau, wie sie mit achzig Jahren ihr Bein locker auf Hüfthöhe schwang. Ich glaube, es ist wichtig für sie, demonstrieren zu können, daß sie zumindest ihren Körper noch im Griff hat, wenn so vieles andere auch nicht mehr.
Während ich schreibe, muß ich krampfhaft darauf achten, nicht in der Vergangenheitsform zu schreiben, denn meine Großmutter liegt im Sterben. Ich finde es barbarisch, Nachrufe zu veröffentlichen, wenn die betreffende Person noch morphiumbetäubt in einem Krankenhausbett liegt. Ist dies bereits ein Nachruf? Ein Ruf vielleicht.
In letzter Zeit hatte ich wenig Kontakt mit meiner Oma. Alle Gründe, die mir einfallen, scheinen mir jetzt fadenscheinig. Ich habe die Chance verpaßt.
Mir fällt nicht viel ein, was ich über ihr Leben weiß. Kindheitsgeschichten von meinem Vater und wie sie mir Lieder beigebracht hat, die ich heute noch auswendig weiß. Das Lied von dem Polenmädchen, daß nicht küssen wollte und von dem Mädel mit dem güldenen Band.
Und ich kann mich an Gerüche erinnern und daran, daß ich bei ihr immer Zitronentee getrunken habe. Ich rutsche doch ab in die Vergangenheitsform.
Ihr langes, schwarzes (mit grauen Strähnen durchsetzes) Haar trägt sie stets in einem Knoten am Hinterkopf. Dazu bevorzugt sie Kittel. Mit Blumen manchmal.
Ich weine und es tut mir weh, daß jemand, der mein Leben lang da war auf einmal nicht mehr da sein wird.


Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, zu sterben. Würde man alle Adressen finden, um meine Freunde von meinem Tod zu unterrichten? Würde jemand mein Tagebuch beenden? Wie würde mein Grabstein aussehen?
Oder wie wäre es, wenn einer meiner Lieben sterben würde? Dieser Gedanke treibt mir die Tränen in die Augen. Ich will nicht, daß jemand nah an mir für immer geht. Manchmal ist aber schon ein "Tut mir leid" alles, was es braucht, damit ganze Monate von verletzten Gefühlen in den Hintergrund rücken. Irgendwie sind Kleinigkeiten auch gar nicht so wichtig. Wichtig sind die großen Sachen. Gefühl. Nähe. Liebe.

Dörtchen, ich hab Dich auch lieb.

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