Baum

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a sparrow, not a feature

Liebe und Leiden unter der Brüstung

sparrow | 02. Oktober 1998, 19:48 | Kolumnen | [1] Kommentare



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Der Täter: ein düsterer Gesell mit schwarzer Seele und klebrigen Händen
Das Opfer: eine unschuldige Maid mit einem Herzen aus Gold und eben solchen Locken
Der Melonensaft: fußfälliger Handlanger mit wässerigen Augen und üblem Nachgeschmack

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Szene 1 (Prolog):

auf dem Balkon (Täter, Melonensaft)


Täter: Du bist blaß, Melone.

Melonensaft: Es ist nichts. Nichts. Du bist ja da. Es ist vorüber.

Täter: Gestehe, gestehe! Der Mut verläßt Dich. Bang wird's Dir um Dein Herz. Furcht seh ich in deinem Antlitz schwitzen.

Melonensaft: Wirft sich in die Brust Melone heiß ich! Den Zweifel riß ich aus meinen Gedärmen und nährte meinen Mut vom Blute. Melone!

Täter: beschwichtigend So sei es. Bist Du also denn noch uns´rer Tat treu? Antworte frank und blank, Melone!

Melonensaft: Bin ich denn ein Halm der sich im Winde wiegt? Bin ich denn ein Hund, der schwanzesverkniffen hinterm Herd sich duckt, wenn drauß´ im Wald ein Blitze zuckt? Ein Waschweib gar, furchtsam, ohn´ Stolz? Ha!

Täter: So laß uns nun schreiten zur Mannestat. Ich komme gleich Euch nach. Geh nur voran!

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Es klingelt nicht

sparrow | 21. September 1998, 20:21 | Kolumnen | [0] Kommentare



Mein Telefon ist schwarz. mattierter Kunststoff. Die Tasten sind schön geformt. Gut zu treffen. Selbst im Dunkeln. Mein Telefon ist wunderschön. Ich habe es im Sonderangebot erstanden. 35,00 DM bei der Telekom.
"Es ist nur noch schwarz da"
entschuldigte sich die Verkäuferin. Schwarz war in Ordnung. Ich mag schwarz. Ich mag mein Telefon. Es hat nur einen entscheidenden Fehler. Es klingelt nicht. Ich schüttle es. Es klingelt nicht.

Ich aber bin eine moderne, selbstbewußte, junge Frau. Ich habe es nicht nötig, auf das Klingeln eines Telefons zu warten, wie ein erstmalig verliebter Backfisch. No way, José. Ich warte nicht.
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Am Bahnhof

sparrow | 14. September 1998, 22:31 | Kolumnen | [0] Kommentare



Schön, dachte man sich, als bekannt wurde, daß die Deutsche Bahn AG neue Fahrpläne einführen wollte. Schön, vielleicht kommt man ja jetzt schneller woanders hin.
O.k., dachte man sich, als der Tag x auf den 24. 05. 1998 gelegt wurde. O.k., irgendwann müssen sie es ja machen. Wenn man neue Fahrpläne hat, muß man sie auch einführen. Macht Sinn.
Auch an jenem Tag selber dachte man sich noch nichts Böses. Es war ja auch ein so netter Tag. Dann jedoch der Schlag. Ich weiß wovon ich rede, denn ich habe es hautnah miterlebt. Folgende Situation also, aus Sichtweise einer Betroffenen.

17.42: der IC nach Hannover steht im Bahnhof Hamm und gutgelauntes Zugpersonal wartet begierig darauf, mich bequem nach hause zu bringen. Leider warten etwa zwanzig andere gut gelaunte Menschen ebenso begierig darauf, einen der Sitzplätze zu ergattern. Diese sind jedoch schon von anderen gutgelaunten Personen okkupiert worden, die so schlau waren, früher einzusteigen.
Der allgemeinen Stimmung tut das jedoch keinen Abbruch und wir lassen uns fröhlich auf dem Boden der Waggons nieder. Zwanzig Minuten später fängt die Sache an, ein wenig unbequem zu werden.
Etwa fünf Leute wollten bereits auf die Toilette, drei in den Speiseraum, zwei in ein Raucherabteil und etwa zehn haben die Suche nach einen freien Platz aufgegeben und sich zu uns gesellt. Das weiß ich so genau, weil jedesmal unzählige Taschen beiseite geräumt und mindestens so viele Leiber umgeschichtet werden mußten. Diskussionen entfachen sich, ob der nächste, der auf die Toilette will, noch durch gelassen werden soll.
Diese Person ist ein kleines Mädchen, das krampfhaft von einem Bein auf das andere hüppelt. Wir haben Mitleid und lassen sie durch.

Gegen 20.10h werde ich langsam nervös. Wir stehen am Mindener Bahnhof. Mein Anschlußzug soll um 20.33h in Hannover losfahren. Die Frau neben mir beruhigt mich. "Die warten doch auf die IC’s."
Na hoffentlich! 20.31h Ankunft in Hannover. Ich schaufle mich durch die Menschenmassen, in der Hoffnung meinen Zug noch zu kriegen. Keuchend schleppe ich meine Reisetasche die Stufen hoch. Verspätung: ca. 45 Minuten. Glück gehabt. Ich gehe und besorge mir ein Mettbrötchen.
Etwa eine halbe Stunde später habe ich zwei Mettbrötchen, eine Pizzazunge, zwei Nuts, ein Twix, sowie einen Apfel verspeist. Ich trank eine Dose Cola und eine halbleere Flasche abgestandenes Mineralwasser. Die Leute am Kiosk kennen mich mittlerweile.

Es scheint, als wären ¾ aller Deutschen heute am Hannover Hauptbahnhof. Der Mop tobt. Ich bewundere die Dame aus dem Lautsprecher., die bereits den dritten Zug mit über zwei Stunden Verspätung ankündigt. Souverän macht sie das, als wäre das alltäglich.
Neben mir läßt sich ein ein Ehepaar häuslich nieder. Schlafsack, Hausschuhe, Zahnbürste... Wohnen auf Zeit bekommt eine neue Bedeutung. Sie holen ihre Butterstullen raus. Ich glaub, ich hab Hunger auf noch ein Twix. Essen aus Langeweile, Frustfraß. Ob das die Taktik war? Einfach die Leute solange warten lassen, bis sie die Bahnhofsgaststätten plündern und die Umsätze in die Höhe treiben? Mag sein.
Ich wickle das Twix aus und betrachte interessiert eine hysterische Dame, die einen Bahnbeamten bedrängt. Wann der nächste Zug nach Frankfurt am Main fährt, will sie wissen. Das höre ich bis hierher. Sie wedelt wild mit beiden Armen und würde den freundlichen Eisenbahner wohl am liebsten an seinem blauen Kragen packen. Dabei kann der doch gar nichts dafür. Er bleibt ruhig, lächelt liebenswürdig und zuckt mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen?" Die Dame ist platt, konfrontiert mit derartig freundlichem Kundenservice.
Der Beamte geht lächelnd zu der Gruppe DB-Uniformierter zurück, die sich um ein Ablösehäuschen gescharrt haben. Sie scheinen eine Art internes Betriebsfest zu feiern. Auf jeden Fall kreist eine Weinflasche. So geht das. Gelassen bleiben und das Chaos mit Humor nehmen. Der Zug nach Stendal ist übrigens immer noch nicht da.

Auf meinem Wartebahnsteig steht angeschlagen: ICE nach Berlin Ost über Magdeburg, Potsdam, Abfahrt 19.59. Gegenüber steht der ICE nach Berlin Ost über Magdeburg, Potsdam, Abfahrt 20.00h. Aha. Ich bin ein klein wenig verwirrt.
Ist es wirklich notwendig, zwei ICE’s mit dem selben Bestimmungsort innerhalb von einer Minute losfahren zu lassen? Die Eisenbahner stört das wenig. Sie feiern fröhlich weiter.
Da! Eine erneute Lautsprecherdurchsage. Die Dame verkündet euphorisch, daß der ICE nach Berlin Ost über Magdeburg, Potsdam, Abfahrt 19.59h zwei Stunden Verspätung hat. Ich nicke. Jetzt macht die Planung Sinn. Geschickt eigentlich.
Einen pünktlich und einen zu spät kommen zu lassen. So hat man die optimale Auslastung. Revolutionär fast. Die genauen Vorteile verschließen sich mir zwar, aber ich bin überzeugt, daß es gute logische Gründe gibt.

Wie wohl die Anzeigetafeln aussehen, auf denen die Bahn ihre Verspätung prozentual angibt? Das interessiert mich jetzt doch und ich mache mich auf die Suche nach eben jenen.
Die freundliche Lautsprecherdame unterbricht mich. Der Zug nach Stendal fährt ein auf Gleis 12. Ich stürme los. Die hundert anderen Leute, die brav auf Gleis 10 gewartet haben, auch. Wir treffen uns auf der Treppe. Eine kurze Rangelei, dann ist es geschafft. Endlich im Zug. Endlich nach hause. Endlich weg von den Bahnhöfen. Eigentlich schade.
Ich freu mich schon auf den nächsten Fahrplanwechsel.

Hochschulblatt der FH Stendal, 1998

Sehnsucht

sparrow | 21. August 1998, 20:19 | Kolumnen | [0] Kommentare



Das bohrende Gefühl steigt. Höher und höher. Unaufhaltsam. Es erreicht die Lunge. Sie ringt nach Luft, glaubt ertrinken zu müssen. Kurz bevor die Ohnmacht sie überwältigt, speit sie es aus. Schreit die Sehnsucht der Dunkelheit entgegen.
Das Gefühl prallt ab und kriecht als vielfältiges Echo an ihr hoch. Sehnsucht, Sehnsucht, Sehnsucht gellt das leise Flüstern in ihren Ohren. Höhnisch klingt es, spöttisch. Je leiser es wird, desto lauter dröhnt es in ihren Kopf, wie die Pauke ihrer ganz persönlichen Strafgaleere.
Mit jedem Schlag krampft sich das Herz rhythmisch zusammen, gehorcht willenlos. Pumpt das Verlangen durch die Adern, bis auch die letzte Pore lautlos aufschreit. Der Hunger ihrer Haut treibt sie in den Wahnsinn. Stumm fleht sie um Erlösung, doch die Luft schweigt still und bläst weiter Sehnsuchtsatem ins Gesicht.

Sie rennt. Läuft, so schnell sie kann. Hetzt, wie gejagt. Will davonlaufen, doch die Sehnsucht sitzt schon huckepack auf ihren Schultern und treibt ihr die Sporen in die Seite.
Sie stoppt abrupt. Keucht. Der Puls geht viel zu schnell. Will weinen. Der Hals ist zugeschnürt. Die Sehnsucht klammert sich an die Seele. Stahlharter Griff, eiskalte Finger.
Schluchzend malt sie eine nachtschwarze Blume an die Wand. Haucht der Zeichnung all die Liebe, all die Verzweiflung ein. Leben auf Beton. Tritt zurück. Betrachtet das Bild. Pflückt die Pflanze, wie im Fiebertraum und zertritt sie auf dem Asphalt. Will die Liebe zertreten. Will Gleichgültigkeit. Will Haß. Sie beginnt zu weinen. Tränen verbrühen das Herz. Der Schmerz wütet durch ihre Eingeweide. Sie ruft um Hilfe.

Frieden. Frieden. Wenn sie doch nur Frieden finden könnte.

Dunkelland

sparrow | 21. August 1998, 19:43 | Kolumnen | [0] Kommentare



Manchmal finde ich den Weg nach Dunkelland.
Dort wandere ich still durch einsame Wälder. Tannen stehen dicht an dicht und Unterholz versperrt den Pfad. Ich gehe und schlage, das Gesicht zerkratzt von Brombeersträuchern.
Dunkelland fängt mich auf, streichelt wie ein Liebhaber und höhnt wie der schlimmste Neider. Legt dunkle Samtschatten über die zerschundenen Wangen und flüstert Versprechen, die schon gebrochen sind, während das Echo noch hallt.

Dunkelland kenne ich gut.
Oft wandele ich hier auf einsamen Straßen. Nicht ein Licht erleuchtet die Nacht, doch kenne ich jeden Stein und finde mich, wie ein Schlafwandler. Weiche blind tiefen Traumschluchten aus und bleibe auf den ausgetretenen Wegen.
Schlafend taste ich nach kleinen Steinchen. Schlafend drehe ich sie und untersuche jedes auf Fehler in der Struktur. Jene finde ich in mannigfaltigem Reichtum. So viele Steine.
Zupfe einen spitzen Dorn aus der Fußsohle, wende ihn betrachtend nach links und rechts und stecke ihn behutsam wieder an seinen Platz. Ich würde ihn missen, wäre er nicht da.

In Dunkelland lasse ich Gedanken aufsteigen wie Luftblasen aus düsterem Brunnen. Tiefe Dunkelteiche erschaffen schwarze Seerosen. Der Duft betäubt. Hypnotisiert.
Ich folge dem Parfum der Nacht in Untiefen und Treibsandzweifeln. Ertrinke mit Lächeln auf den Lippen.
In Dunkelland ist das vertraut.

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