Baum

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Sehnsucht

sparrow | 21. August 1998, 20:19 | Kolumnen | [0] Kommentare



Das bohrende Gefühl steigt. Höher und höher. Unaufhaltsam. Es erreicht die Lunge. Sie ringt nach Luft, glaubt ertrinken zu müssen. Kurz bevor die Ohnmacht sie überwältigt, speit sie es aus. Schreit die Sehnsucht der Dunkelheit entgegen.
Das Gefühl prallt ab und kriecht als vielfältiges Echo an ihr hoch. Sehnsucht, Sehnsucht, Sehnsucht gellt das leise Flüstern in ihren Ohren. Höhnisch klingt es, spöttisch. Je leiser es wird, desto lauter dröhnt es in ihren Kopf, wie die Pauke ihrer ganz persönlichen Strafgaleere.
Mit jedem Schlag krampft sich das Herz rhythmisch zusammen, gehorcht willenlos. Pumpt das Verlangen durch die Adern, bis auch die letzte Pore lautlos aufschreit. Der Hunger ihrer Haut treibt sie in den Wahnsinn. Stumm fleht sie um Erlösung, doch die Luft schweigt still und bläst weiter Sehnsuchtsatem ins Gesicht.

Sie rennt. Läuft, so schnell sie kann. Hetzt, wie gejagt. Will davonlaufen, doch die Sehnsucht sitzt schon huckepack auf ihren Schultern und treibt ihr die Sporen in die Seite.
Sie stoppt abrupt. Keucht. Der Puls geht viel zu schnell. Will weinen. Der Hals ist zugeschnürt. Die Sehnsucht klammert sich an die Seele. Stahlharter Griff, eiskalte Finger.
Schluchzend malt sie eine nachtschwarze Blume an die Wand. Haucht der Zeichnung all die Liebe, all die Verzweiflung ein. Leben auf Beton. Tritt zurück. Betrachtet das Bild. Pflückt die Pflanze, wie im Fiebertraum und zertritt sie auf dem Asphalt. Will die Liebe zertreten. Will Gleichgültigkeit. Will Haß. Sie beginnt zu weinen. Tränen verbrühen das Herz. Der Schmerz wütet durch ihre Eingeweide. Sie ruft um Hilfe.

Frieden. Frieden. Wenn sie doch nur Frieden finden könnte.

Dunkelland

sparrow | 21. August 1998, 19:43 | Kolumnen | [0] Kommentare



Manchmal finde ich den Weg nach Dunkelland.
Dort wandere ich still durch einsame Wälder. Tannen stehen dicht an dicht und Unterholz versperrt den Pfad. Ich gehe und schlage, das Gesicht zerkratzt von Brombeersträuchern.
Dunkelland fängt mich auf, streichelt wie ein Liebhaber und höhnt wie der schlimmste Neider. Legt dunkle Samtschatten über die zerschundenen Wangen und flüstert Versprechen, die schon gebrochen sind, während das Echo noch hallt.

Dunkelland kenne ich gut.
Oft wandele ich hier auf einsamen Straßen. Nicht ein Licht erleuchtet die Nacht, doch kenne ich jeden Stein und finde mich, wie ein Schlafwandler. Weiche blind tiefen Traumschluchten aus und bleibe auf den ausgetretenen Wegen.
Schlafend taste ich nach kleinen Steinchen. Schlafend drehe ich sie und untersuche jedes auf Fehler in der Struktur. Jene finde ich in mannigfaltigem Reichtum. So viele Steine.
Zupfe einen spitzen Dorn aus der Fußsohle, wende ihn betrachtend nach links und rechts und stecke ihn behutsam wieder an seinen Platz. Ich würde ihn missen, wäre er nicht da.

In Dunkelland lasse ich Gedanken aufsteigen wie Luftblasen aus düsterem Brunnen. Tiefe Dunkelteiche erschaffen schwarze Seerosen. Der Duft betäubt. Hypnotisiert.
Ich folge dem Parfum der Nacht in Untiefen und Treibsandzweifeln. Ertrinke mit Lächeln auf den Lippen.
In Dunkelland ist das vertraut.

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