Meine Großmutter ist 84. Weiterhin fallen mir nur Floskeln ein, wie "sie hat ihr Leben lang gearbeitet", was mit Sicherheit stimmt, denn die Familie war arm und da waren vier Kindermünder, die gestopft werden wollten.
Mit über sechzig hat sie noch einen Schulterstand zwischen zwei Stühlen vorgeführt. Daran kann ich mich aber nur noch aus Erzählungen erinnern. Ich weiß aber noch genau, wie sie mit achzig Jahren ihr Bein locker auf Hüfthöhe schwang. Ich glaube, es ist wichtig für sie, demonstrieren zu können, daß sie zumindest ihren Körper noch im Griff hat, wenn so vieles andere auch nicht mehr.
Während ich schreibe, muß ich krampfhaft darauf achten, nicht in der Vergangenheitsform zu schreiben, denn meine Großmutter liegt im Sterben. Ich finde es barbarisch, Nachrufe zu veröffentlichen, wenn die betreffende Person noch morphiumbetäubt in einem Krankenhausbett liegt. Ist dies bereits ein Nachruf? Ein Ruf vielleicht.
In letzter Zeit hatte ich wenig Kontakt mit meiner Oma. Alle Gründe, die mir einfallen, scheinen mir jetzt fadenscheinig. Ich habe die Chance verpaßt.
Mir fällt nicht viel ein, was ich über ihr Leben weiß. Kindheitsgeschichten von meinem Vater und wie sie mir Lieder beigebracht hat, die ich heute noch auswendig weiß. Das Lied von dem Polenmädchen, daß nicht küssen wollte und von dem Mädel mit dem güldenen Band.
Und ich kann mich an Gerüche erinnern und daran, daß ich bei ihr immer Zitronentee getrunken habe. Ich rutsche doch ab in die Vergangenheitsform.
Ihr langes, schwarzes (mit grauen Strähnen durchsetzes) Haar trägt sie stets in einem Knoten am Hinterkopf. Dazu bevorzugt sie Kittel. Mit Blumen manchmal.
Ich weine und es tut mir weh, daß jemand, der mein Leben lang da war auf einmal nicht mehr da sein wird.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, zu sterben. Würde man alle Adressen finden, um meine Freunde von meinem Tod zu unterrichten? Würde jemand mein Tagebuch beenden? Wie würde mein Grabstein aussehen?
Oder wie wäre es, wenn einer meiner Lieben sterben würde? Dieser Gedanke treibt mir die Tränen in die Augen. Ich will nicht, daß jemand nah an mir für immer geht. Manchmal ist aber schon ein "Tut mir leid" alles, was es braucht, damit ganze Monate von verletzten Gefühlen in den Hintergrund rücken. Irgendwie sind Kleinigkeiten auch gar nicht so wichtig. Wichtig sind die großen Sachen. Gefühl. Nähe. Liebe.
Dörtchen, ich hab Dich auch lieb.
Frühlingsanfang. Das Wetter brilliant und ich nur ein kleines bißchen genervt.
Das Wochenende war wie üblich richtig schön und viel zu kurz, als man wieder fuhr, also genau richtig. Sogar Tzwenny hatte sich eingefunden, was ich ja bis zuletzt gar nicht geglaubt hatte. Wer Ewigkeiten in meinem Gästebuch zurück blättert, stößt auf eine Diskussion über Philadelphia Kirschen. Die hatte Tzwenny mitgebracht. Oh, waren die lecker.
Abgesehen davon, gehöre ich jetzt zur Riege der Woker. Nur mal als Warnung für potentielle Besucher. :o))
Mir fehlt die richtige Inspiration für einen Tagebucheintrag. Genau genommen fehlt mir die richtige Inspiration für fast alles. Ich sitze hier oben an dem Schreibtisch und tue so, als würde ich angestrengt arbeiten, während ich die meiste Zeit doch nur Löcher in die Luft starre. Ab und an gehe ich online und wieder offline und gucke den Zettel mit den Gebühren an, die seit der letzten Telefonrechnung eingeführt worden sind. Manchmal schichte ich den Berg von Zetteln um, die sich hier angehäuft haben. Von links nach rechts und von rechts nach links.
Soviel nervt mich an. Das Gerede um Geld. (Letztes Selbsthilfebuch: In sieben Jahren zum Millionär) Die einseitigen Diskussionen in diesem Haushalt. (Handball und Handball und Handball, manchmal ein bißchen Schule. Warum fragt mich eigentlich niemand, wie mein Wochenende war?) Und wenn ich der Meinung bin, meine Großmutter erzählt Unfug und mir ihr Ton nicht paßt, dann nehme ich mir auch die Freiheit, ihr denselben Ton zurück zu geben. Kommt mir jetzt nicht mit Respekt. Respekt muß man sich erarbeiten. Und ich habe genug Respekt vor meiner Oma, um ihr Kontra zu geben. Ist das nicht genug?
Ich bin gern bei meinen Eltern, aber jetzt ist es auch wieder gut. Ich muß wieder für mich allein sein.
Ja doch, ja doch. Viel zu lange kein Diary, ich weiß. Das Gebrülle in meinem Gästebuch war auch nur schwer zu überhören. :o)
Mein Leben hat die unangenehme Angewohnheit monatelang hinter mir her zu schleichen und unschuldig zu gucken, um dann in einem geeigneten Augenblick hervor zu springen und mich zu überrollen.
Was ich sagen will: Ich zieh nach Hamburg. Hat jemand eine kleine Wohnung oder ein WG-Zimmer in der Hinterhand? Bitte Mail an mich.
Ich wiege mich in erdbeerroten Sehnsuchtsgefilden. Mein Liebster ist auf und davon in die ewige Stadt. Gestern rief er an, der Klang seiner Stimme wie elektrisch in meinen Ohren. Immer wieder fällt mir diese wunderschöne Stimme auf, die mich sowieso von Beginn an fesselte. Seit dem "Frau Spatz, Sie haben mich noch gar nicht geknuddelt". Sie ist weich, der Grundton relativ hell, wie eine Tenorstimme, aber mit einem unterschwelligen Basstimbre. Ich liebe diese Stimme.
Befremdlich, wie man Dinge immer dann vermißt, wenn sie unerreichbar sind. Normalerweise ist er ja da. Wenn ich will, kann ich mit ihm sprechen. Wenn ich nicht will, dann vielleicht morgen.
Jetzt aber, schleiche ich wie eine Katze um das Telefon. Er hat versprochen, er würde sich nochmal melden. Er hat es versprochen und Versprechen sind heilig. Morgen kommt er wieder. Morgen.
Samstag eine weitere wilde Fete bei Melody. Gestern wurde mir per Mail mitgeteilt, daß ich mich freiwillig zum Kochen gemeldet hätte. Hihi.
Es wird ein Spaß, ein absoluter Spaß. Tzwenny hat mal wieder versprochen, zu kommen, aber das glaube ich erst, wenn ich ihn leibhaftig sehe.
Ich liebe es, wenn sich die Überreste der einstigen Diary-Connection alle paar Monate treffen. Das ist echt und real und vor allen Dingen nicht so Knuddeldiknu und Hachdüdeldö, sind wir alle süß und gutgelaunt, wie ich es bei den typischen Community-Treffen erlebt habe.
Hehe. Was mich gleich zum nächsten Thema bringt. Schließlich habe ich es versprochen. Wer mich auf Familienfeiern schleppt, muß sich nicht wundern. Mathias' Mutter wurde fünzig und alle waren geladen.
Während eine bierselige Verwandtschaft zu "die Karawane zieht weiter" in einer Polonaise durch die Räume tobte und rhythmisch die Fäuste in die Luft stieß, flehte mich mein Liebster immer wieder mit Blicken an. "Bitte, bitte nicht weiter sagen! Bloß keinen Tagebucheintrag!" sagten die Blicke.
Als ob er nicht genau wüßte, daß jegliches Betteln an mir abprallt, wie Wasser an Entengefieder. Spätestens, nachdem die Fragen nach Enkelkindern häufiger wurden und man mir von offizieller Seite bestätigte, daß ich als Schwiegertochter genehm sei, verging mir das Lachen und eine leichte Panik setzte ein. Sehe ich denn wirklich so gebärfreudig aus?
Wirklich, ganz, ganz ehrlich. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit Nachwuchs zu produzieren.
Zumal jetzt ja auch Hamburg auf mich wartet.
Und für alle, die nicht genug kriegen: Noch mehr Kinderphotos
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