Montag ist es und der 24. Juli. Der letzte Eintrag liegt fast zwei Monate zurück. Ich erwache langsam wieder aus meiner Starre.
Die letzten Wochen waren der absolute Horror. Selbstgemachter Horror. In eigenproduziertem Psychoterror schmoren gehört wohl zu den Hobbys dieser verdammten Gesellschaft. Ich schließe mich nicht aus. Eher schließe ich mich an.
Was soll ich groß erzählen? Panikattacken, Bauchschmerzen, Schweißausbrüche bei bestimmten Schlüsselreizen. Und immer wieder nächtliche Telefonate, bei denen ich schluchzend am einen Ende hing, während jemand am anderen Ende beruhigend murmelte.
Ab und an warf man mir vor, daß ich mich nur meldete, wenn es mir schlecht ginge. Falsch. Ich meldete mich, wenn es mir so schlecht ging, daß ich nicht weiter konnte. Und dann auch nur bei den Leuten, vor denen ich am wenigsten Angst hatte.
Langsam geht es wieder aufwärts. Und ich genieße jede Sekunde, in der ich glücklich bin - teilweise aufgedreht, weil ich gar nicht fassen kann, gar nicht mehr wußte, wie wunderschön es ist, glücklich zu sein. Und zu leben. Und zu tanzen. Den Mund weit zu öffnen, den Kopf in den Nacken zu legen und zu lachen.
Was bleibt, ist das Problem mit den dezimierten sozialen Kontakten.
Subtrahiert man die Leute, die ich in der U-Bahn treffe, die Leute, die mir im Büro gegenüber sitzen, die Leute, die ich übers Internet treffe und meine Familie, bleiben nicht viele, mit denen ich in den letzten Wochen sprach. Die ich nicht gleich wieder abwimmelte.
Jetzt stehe ich hier und betrachte betroffen, meinen mageren Freundeskreis. Ich weiß, er wird noch weiter hungern, wenn ich mich nicht endlich aufraffe und anrufe. Was nur, soll ich sagen?
"Hi, sorry, daß ich mich so lange nicht gemeldet habe, aber ich hatte Angst vor Dir. Ach ja, und alles Gute zum Geburtstag nachträglich." Oder auch "Uhm, ja, hi. Lange nicht gehört. Wie lange bist Du jetzt schon wieder in Deutschland? Zwei Monate? Willkommen daheim!"
Es ist blöd und verfahren. Ich wäre stinksauer, wenn ich nicht ich selber wäre und somit ständig mit mir in Kontakt stünde. Will sagen: mit mir dürfte keiner so was machen.
Was soll das Lamentieren. Im Grunde hilft ja doch nur eins: Endlich die Initiative ergreifen.
Hm. Vielleicht morgen.
Ich bin in Eile und schreibe schnell. Ich bin nämlich beschäftigt. Mein Jagdinstinkt erwachte vor nicht allzu langer Zeit, streckte sich gähnend und pirschte los - unschuldige Moorhühner ermorden. Das liegt derzeitig im Trend.
Alle Welt redet davon, Arbeitgeber machen sich Sorgen um sinkende Arbeitsmoral und ich muss in der Bibliothek endlos lange warten - und das nur, weil ganz Deutschland (oder zumindest der Teil mit Win95) Moorhühner schießt.
Selbstredend ist eine fundierte Recherche zwingend notwendig. Ehrensache, na klar. Also lud ich mir das Spiel herunter - rein zu Forschungszwecken, versteht sich - und begann fröhlich Geflügel abzuknallen. Eine ganze Minute lang. Und noch eine Minute, und noch eine....
Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich finde Ballerspiele doof. Nichts ist dämlicher, als stupide mit angelegter Flinke auf den Bildschirm zu zielen und auf die nächste Bewegung zu lauern.
Und eigentlich ist das wild flatternde Federvieh auch ziemlich niedlich. Große Augen, riesiger Schnabel und es streckt so herzig die Beine in die Luft, wenn es das Schicksal ereilt.
Aber erlegt man niedliches Geviech? Man schießt doch auch nicht auf Meerschweinchen, und als Bambis Mutter von grausamen Mördern hingerichtet wurde, habe auch ich geschluchzt.
Und doch - irgendetwas hat dieses Getier, was sie zum optimalen Zielpunkt macht.
Vielleicht einfach nur das Gefühl, einsam auf weiter Flur, meinen Willen gegen den Willen der Hühner zu stemmen. Großwildjäger im heimischen Wohnzimmer zu sein, sich gegen den Wind anzuschleichen und dann, in einem geeigneten Augenblick.... Das zarte Klicken beim Nachladen und immer die Angst im Nacken, ein frustriertes Nilpferd oder ein wütendes Karnickel könnte aus dem Busch brechen.
Genug der Plauderei! Ich habe zu tun. Halali blasen, Kimme und Korn, anlegen, zielen und KAWUMM!
Magicmirror, 2000